Halloween

 

Kurzurlaub in Berchtesgaden. In der Nacht zum 27. Oktober 2001 schlief ich schlecht. Ein schlechter Traum trug dazu bei. Ein Traum von Katzen, einer bunten Katze. Am Morgen  wusste ich nicht mehr, was ich geträumt habe, nur noch, dass es kein guter Traum war. Ausgerechnet ich träume schlecht von Katzen. Ich erzählte meinem Mann davon. Es war der letzte Urlaubstag. Abends würde ich bei meinen Katzen sein. Zurzeit waren es zwölf. Sechs Jungtiere, sechs ausgewachsene Katzen.


Bifi, unsere Älteste war jetzt beinahe drei Jahre alt. Am Donnerstag vor dem Urlaub hatte ich ihr beim Tierarzt noch Aufbauspritzen geben lassen, obwohl die Kortisonspritze, die sie zum Leben alle 4 Wochen brauchte, erst 2 Wochen vorher gegeben wurde. Die Tierärztin hatte darum gebeten, dass Bifi während unseres Urlaubes noch einmal zur Untersuchung kommen sollte. Sie war erschüttert über den Zustand der Katze. Aber sie war  die Vertretung meiner Tierärztin und kannte Bifi nicht in ihren schlechten Zeiten. Der Katze

ging es doch noch verhältnismäßig gut – so sah ich es. Ich kannte Bifi in ihren schlechtesten Zeiten. Eigentlich war Bifi nie gesund gewesen, seit wir sie todkrank gestohlen hatten.
Ich hatte meinem ältesten Sohn zwar aufgeschrieben, dass er – falls nötig – mit Bifi noch einmal zum Tierarzt müsste, aber ich wusste, dass er a) keine Chance hatte, die Katze zu fangen und b) frühestens am Freitagabend mit ihr zum Tierarzt gegen konnte. Dann konnte der Tierarztbesuch auch bis Montag warten. Also fragte ich während des Urlaubes auch gar nicht nach den ausgewachsenen Katzen, vielmehr machte ich mir Sorgen, dass die Katzenkinder nicht ausreichend versorgt würden und nahm meine Söhne diesbezüglich ins „Gebet“.

 

Am Samstagabend um 20.00 Uhr waren wir zu Hause. Der Hund wurde begrüßt, dann der Kontrollgang zu den Katzenkindern. Das Chaos tobte mir entgegen. Alle – einschließlich der Mutter Tiffany – wurden versorgt. Dann der Gang zu den erwachsenen Katzen. Nur Chilly war da.

Meine Mutter sagte dann: „Du weißt ja, dass Bifi die ganze Zeit nicht nach Hause gekommen ist.“

Woher sollte ich es wissen? In den kurzen Telefonaten wurde anderes besprochen.

Ich war nicht sehr verwundert, irgendwie hatte ich es erwartet, dann doch wieder nicht. Bifi war eine treue Seele. Sie hatte schon so viele schlechte Tage gesehen und war immer heimgekommen. Die anderen Katzen (Red Chilly Pepper, Moritz, Beauty) waren einfach gegangen und nicht wiedergekehrt. Bifi kam immer, besonders wenn es ihr schlecht ging.

Ich hatte nicht erwartet, dass sie sich verkriecht, war aber froh, dass sie mir die Entscheidung abgenommen hatte. Ich wusste nicht, wie lange ich es noch durchgehalten hätte. Bifi stank.

Man roch sie, bevor man sie sah. Ihr Fell war verfilzt und zausig, weil sie sich nicht mehr putzen konnte. Bifi hatte eine Herpesallergie im Maul. Das Fell war voll gesabbert, wenn es ihr schlecht ging. Der Gestank unerträglich. Sie erinnerte an Friedhof der Kuscheltiere.

 

Bifi war seit dem 19. Oktober nicht mehr gesehen worden – sagte meine Mutter. Ich sprach mit meinen Söhnen darüber, dass Bifi wohl tot sei. Irgendwie war ich erleichtert, dass ich sie nicht hatte einschläfern lassen müssen und dennoch war ich traurig. Sie bedeutete mir viel.

2

 Ich wollte noch eine Waschmaschine voll Katzenwäsche waschen und ging hinaus zum Stall, um Bifis Schlafpolster zu holen.

Es war dunkel und kühl und ich dachte: Nach 9 Tagen hat es wohl wenig Sinn, noch nach ihr zu rufen. Ich kam am Holzschuppen vorbei. Wenn es Bifi schlecht ging, hatte sie hier in einer Obstkiste gesessen, ganz oben auf dem Holz. Ich öffnete die Tür und sagte leise fragend: Bifi? –Dann noch einmal etwas lauter: Bifi?

 

Hatte ich nicht einen winzigen Laut gehört? Das war doch nicht möglich, nach so langer Zeit! Ich rief lauter und diesmal fast panisch: Bifi!!!!

 

Dann hörte ich ein Miauen. Um es orten zu können, rief ich noch ein paar Mal und bekam jedes Mal Antwort und immer lauter wurde der Hilferuf meiner Katze.

 

Ich rannte ins Haus und holte den Schlüssel für den Stallboden. Sie konnte nur dort sein. Es war ein Ort, den sie liebte.

 

Ich weiß nicht mehr, was mir durch den Kopf ging. Ich schloss auf und sie kam mir entgegen. Ich nahm sie auf den Arm und lief mit ihr die Treppen hinunter, vorbei am Teich und spürte ihre Knochen durch das Fell. Aber sie lebte. Vermutlich 9 Tage ohne Futter und Wasser versuchte sie sich von mir zu befreien, um an den Teich zu kommen. Ich rannte mit ihr ins Haus in den Wintergarten - unser Katzenzimmer - und setzte sie an einen Napf mit Wasser, daneben ein Napf mit verdünnter Kondensmilch, den sie sogleich leerte.

 

Ich hörte mich laut weinen. Mein Sohn Tom kam aus seinem Zimmer und nahm mich in den Arm und ich hörte ihn fragen: „War sie auf dem Boden?“  und ich hörte mich antworten:

„9 Tage ohne Futter und Wasser!“

 

Sie lebte. Es war unfassbar. Wie hatte sie das überstanden? Wie war das möglich. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wie war sie dort hineingekommen.

Ich hatte am Freitag, dem 19. den Stalldachboden geöffnet, um eine Flaschenverpackung zu holen. Ich war mir sicher, die Katze draußen gesehen zu haben, als ich den Dachboden verschloss. Ich weiß, dass unsere Katzen den Dachboden lieben und sich dort gern aufhalten und hineinschlüpfen, sobald sich die Möglichkeit ergibt. Manchmal dürfen kranke Katzen dort „wohnen“, um Ruhe vor den anderen zu haben. Ich hatte vor meiner Abreise alle Futter- und Wassernäpfe entfernt! Wie konnte das passieren? Mein Sohn Jan war der Meinung, Bifi aus dem Haus gelassen zu haben, als wir bereits abgereist waren, am Sonntag oder später.  Aber kein Familienmitglied hatte während unserer Abwesenheit den Dachboden geöffnet und er war absolut dicht. Die Katze konnte nicht allein hinein.

Ich stieg auf den Dachboden und machte Licht. Das Bild, das sich mir bot, war schrecklich. Ganz abgesehen von dem strengen Geruch nach Katzenurin lagen überall Haarbüschel. Unzählige! Überall wohin ich sah, in jeder Ecke. Sie hatte sich unseren alten Sessel ausgesucht. Dort hatte sie gesessen, man sah es an den Haaren, die im Stoff  klebten und an den Verschmutzungen. Sie hatte jedoch nicht auf den Sessel gemacht sondern auf ein altes

Schaffell, welches sie dann ordentlich zusammengescharrt hatte. Es würde einige Zeit dauern, dass zu reinigen. Aber Bifi lebte.

 

3

 

Durfte sie überhaupt verdünnte Milch trinken. Ich lief zurück ins Haus, um im Buch mit den Katzenkrankheiten nachzulesen. Dann kam ich zu dem Entschluss, dass sie sicher selbst wusste, was sie brauchte.

 

Ich entschuldigte mich immer wieder bei ihr und streichelte sie und bürstete die wenigen verbliebenen Haare, die immer noch ausfielen.

Sie hatte dies sicher nur überstanden, weil sie zuvor durch die Kortisonspritze gut im Futter stand. Sie jetzt so zu sehen, schmerzte. Was hatte dieses Tier schon alles überstanden: Todkrank als kleines Kätzchen von uns zum Sterben mit nach Hause genommen, alle Kinderkrankheiten, die an ihr vorbeiflogen, mitgenommen. Während der Trächtigkeit schwere Bronchitis, dann, als die Welpen da waren, blieb sie in unserer Kipp-Fenster-Tür hängen und konnte gerade noch rechtzeitig gerettet werden. Kastration, Hirnhautentzündung, einen Tumor im Maul der operiert werden musste, dauernd Zahnfleischentzündungen und Herpes-Löcher im Maul-, Zungenbereich, dadurch bedingt sabbern, Gestank, struppiges Fell, ständig Antibiotika, Herpes-Medikamente, Kortison und jetzt das. Wie viele Leben blieben ihr noch?

 

Jedenfalls wusste ich jetzt, dass es Bifi war, die mir den Traum schickte, im Kampf ums Überleben. Ich darf nicht darüber nachdenken, was gewesen wäre, wenn ich sie nicht gerufen und sie später tot auf dem Dachboden gefunden hätte.

 

Am nächsten Tag ging ich dann tatsächlich in den am Stall angebauten Schuppen, um dort das Schlafpolster zu holen, um es zu waschen. Ich sah nur aus den Augenwinkeln schwarze Katzenbeine mit weißen Pfoten und rief sofort nach unserer „Mohrle!“ Aber Mohrle kam nicht. Statt dessen  kam ein kleines ca. 12 Wochen altes schwarzes Kätzchen mit weißen Pfoten und einem weißen Mäulchen zum Vorschein. Es sprang auf einen Wasserkübel und in dem Moment löste sich hinter mir aus meinem Schatten unser Chilly-Kater, was Flucht und Verfolgung auslöste. Ich konnte nicht sehen, wohin das kleine Kätzchen verschwand. Nach 2 Stunden ging ich erneut in den Schuppen und hatte gerade beim Fressen gestört. Wieder entkam das Kätzchen durch das Schlupfloch, welches wir extra im Fenster des Schuppens eingerichtet hatten. Das Loch führte auf den Holzstapel, der außen vor dem Fenster lag. Diesmal lief das Kätzchen nicht so weit. Es verkroch sich im Holz. Ich wollte frisches Futter holen. Das Kätzchen lief mir nach. Doch als ich das Futter brachte, war es fort.

Das Putzen des Wintergartens dauert immer sehr lange, weil das Wischwasser auf den glatten Fliesen schlecht trocknet. Zufällig schaute ich hinaus, als das Kätzchen aufmerksam aber ruhig am Haus entlang lief. Ich stellte das Katzenfutter, was sich sonst im Wintergarten befindet vor die Fenster, an die Gebüschseite. Es dauerte nicht lange, bis der Hunger die Angst überwand. Immer wieder lief das kleine Kätzchen davon. Allerdings nicht, weil die anderen Katzen des Hauses es vertrieben. Im Gegenteil, dass Knurren des Kleinen hieß für die Hauskatzen: den Abstand wahren. Ich war mir sicher, dass es bleiben würde, wenn es wollte, denn es wusste, wo es Futter gab und offenbar machte es sich nichts aus großer Konkurrenz.
Ich hoffte allerdings, dass es nicht noch Geschwister hatte, die evtl. auch hungrig waren.

 

Die Futterstellen wurden am Abend reichlich mit frischem Fleischfutter versorgt und ich musste daran denken, dass uns im letzten Jahr um diese Zeit „Tiffany“ zugelaufen war. Sie ließ sich sofort von mir auf den Arm nehmen. Dieses Kätzchen war nicht so zutraulich. Wahrscheinlich war es noch nie von einer Menschenhand berührt worden. Da hatte ich ja meine einschlägigen Erfahrungen. Hoffentlich würde ich nicht die Falle gebrauchen müssen.

4

 

Und weil den ganzen Tag über der Stalldachboden offen war – zum Lüften und Reinigen wegen Bifis Hinterlassenschaften – brachte ich Wasser und Trockenfutter hinauf. Chilly hatte zwar alles kontrolliert, aber man konnte nicht wissen. Dieses Kätzchen war klein und passte in die kleinsten Winkel. Noch einmal sollte dort oben keiner hungern und dursten.

 

Bei Bifi wirkte der Aufenthalt auf dem Dachboden nicht abschreckend. Sie inspizierte schon am nächsten Tag ihr Gefängnis. Ich war verblüfft, wie schnell sich die Katze „erholte“. Klar, sie machte keine Gewaltmärsche und wich mir kaum von den Hacken, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass sie sterben würde.

 

Am Montag bin ich mit ihr zu meiner Tierärztin gefahren, obwohl ich merkte, dass Bifi es gut überstanden hat. Alle blickten erschreckt, als ich erzählte, wie lange Bifi ohne Wasser und Brot im Gefängnis war. Sie untersuchte Bifi und stellte fest: Sie hatte die Katze lange nicht in einem solch guten Zustand gesehen. Klar, sie war abgemagert und etwas „unterwässert“ und das ausgerupfte Fell: Psyche! Aber: Die Herpes-Löcher auf der Zunge waren abgeheilt. Auch das Zahnfleisch sah gut aus. Eigentlich ging es der Katze besser als je zuvor.

 

Wenn ich gewusst hätte, dass Bifis Herpes-Allergie damit abgeschwächt werden kann, hätte ich sie längst bei Wasser und „Brot“ kontrolliert auf den Stall-Boden gesperrt!

 

Es war ein gespenstisches Wunder, eben: Halloween.

 

29.10.2001

 

 

Dennoch:

Nachdem es Bifi zunächst gut ging, verschlechterte sich ihr Zustand nach zwei Wochen rapide. Sie wurde wieder mit den erforderlichen Medikamenten behandelt und zunächst trat wieder Besserung ein. Dann lief wieder der Speichel und große rote Flecken bedeckten die Zunge. Der Speichel verklebte das Fell. Es war die Tierärztin, die mir die Frage stellte, die bei uns zu Hause schon lange im Raum stand. Schweren Herzens entschloss ich mich, Bifi von ihren Leiden zu erlösen. Bifi schlief am 26.11.2001 um 17.45 Uhr getröstet von  meinen Händen ein. Wir begruben Sie in unserem Garten, den sie so sorgsam bewachte und liebte. Sie war eigentlich schon tot, als wir sie im Febr. 1999 „gestohlen“ haben. Nur wenige Wochen in ihrem kurzen, dreijährigen Leben war sie wirklich gesund und das zeigte sie mit großen, runden, klaren, gelbgrünen Augen, die ich nie vergessen werde.

 

27.11.2001

 

Das Kätzchen, das wir am 28.10. in unserem Stall entdeckten, entpuppte sich bei der Kastration als Kater mit einem innen liegenden Hoden. Der Tierarzt meinte, noch einen Monat weiter und er hätte sich den Hoden heraus gebissen. Der kleine Kater hat wohl instinktiv den richtigen Platz für sein weiteres Leben gefunden. Oder spricht es sich in Katzenkreisen herum, dass es ein Katzenparadies gibt? Er versteht es meisterhaft, sich bei den erwachsenen Katzen anzuschmusen. Selbst Bifi hatte ihn akzeptiert. Bei Tiffany wird es wohl noch etwas dauern. Wir nannten ihn „Sheba“ und er traut langsam auch uns Menschen.

 

06.12.2001