Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

    Es war nur eine Frage der Zeit....

...und am 26. März 2001 war es soweit. Noch voll damit beschäftigt, nach der Ausstellung vom Vortag Ordnung in die Bärenstube zu bringen und alle Schreibarbeiten schnell zu erledigen:

Das Telefon klingelte, ich führte ein kurzes Gespräch mit einem Klassenkameraden meines Sohnes, der zur Zeit in den Abschlussarbeiten steckte. Das Englisch-Wörterbuch sollte zur Englisch-Abschlußarbeit mitgebracht werden. Eine Telefonkette solle begonnen werden. Da klopfte es in der Leitung. Ich nahm das Gespräch an. Eine freundliche Frauenstimme fragte mich, ob ich eine Katze hätte.

Das Tierheim hatte sicherlich meine Telefon-Nummer nicht mehr herausgegeben. Was wollte diese Frau?

"Ja?" antwortete ich und die junge Stimme sagte: "Ich muss ihnen leider sagen, dass ihre Katze überfahren wurde." Diese Worte muss man auf sich wirken lassen und so kam nur ein kurzes knappes "Wo?"

Ihr Sohn hatte auf der noch nicht für den Verkehr freigegebenen Umgehungsstraße, die nur 200 m von unserem Haus entfernt neu gebaut wurde, eine tote Katze gefunden. Dort, wo noch niemand fahren darf. Sie sagte, die Katze hätte ein Halsband mit meiner Telefon-Nummer darauf.

Ich hörte mich fragen: "Welche Farbe" und meinte das Halsband. Der Junge antwortete seiner Mutter: "Schwarz mit grünem Halsband."

"Satan-Felix!"

Mein scheues, schwarzes Katertier war letzte Nacht nicht nach Hause gekommen. Der seinen Namen "Satan" bekam, als er beim Tierarzt eine Woche in der Klinik bleiben musste, wegen einer blutigen Augenentzündung. Zu der Zeit ließ er sich noch kaum anfassen und zerkratze der Tierarzthelferin vor Angst die Brust. Ich hörte noch immer die Stimme des Tierarztes: "Er ist nicht böse, er hat nur Angst! Der wird schon."

Und er wurde. So bekam er den Namen "Felix", der Glückliche, hinzugefügt. Außerdem meinte meine Mutter, es wäre unanständig nachts draußen "Satan komm" zu rufen. Na ja, ich gebe zu .......

Die Frau am anderen Ende der Leitung sagte zu mir: "Es tut mir leid" und ich fragte sie, wo sie wohnt und ob ihr Sohn dort gespielt hätte. Sie antwortete mir und ich sagte einige erklärende Worte über Satan. Sie sagte wieder: "Es tut mir leid" und ihre Stimme tat mir gut. "Ich danke ihnen, ich werde ihn gleich holen. Vielen Dank, das sie angerufen haben."

Ich hatte ihren Namen vergessen.

Mein Mann folgte mir, ausgerüstet mit Gartenhandschuhen und einem Eimer.

Wir fanden ihn. Sein grünes Halsband leuchtete von weitem. Sein schwarzes, seidenweiches Fell bewegte sich im Wind.

Er war regelrecht zerplatzt.

Hinter seinen Resten die 30 m lange Spur seines Todes – der Reifenabdruck, der sich mit seinem Blut immer wieder auf dem Asphalt abzeichnete. Keine Bremsspur! Der Autofahrer hat nicht einmal angehalten.

"Die haben ihn gejagt", sagte mein Mann.

Alles was in ihm war, musste jetzt unter einem Auto kleben und in den Autoreifen, das zeigte die Spur deutlich - und in den Mägen der Krähen.

Die nicht freigegebene und unfertige Straße wurde oft als Abkürzung oder Ralleystrecke benutzt. Es gibt immer Menschen, die meinen, Vorschriften und Verbote seien nicht für sie gemacht und sich darüber hinwegsetzen. So auch bei gesperrten Straßen. Sie üben einen besonderen Reiz aus, nicht nur, weil man damit Wege abkürzen kann.

Der Hass war schon immer in mir, wenn ich mit unserer Hündin "Paisley" auf dieser Straße spazieren ging – hier war früher unser Feldweg. Vor mehr als 20 Jahren geplant, war sie nun gebaut worden, die Umgehungsstraße. Wenn wir zwei hier entlanggingen und ungestört sein wollten, wurden wir nicht nur einmal von Autofahrern überholt, die – natürlich weil verboten – schnell an uns vorbeifuhren und so taten, als sähen sie uns nicht.

Jetzt ging der Hass mit mir durch.

Ich rechne immer damit, dass einmal eine Katze direkt vor unserer Haustür überfahren wird.

Wir leben in einer Seitenstraße, Zone 30, am Stadtrand, aber unser Haus liegt an der tiefsten Stelle dieser Straße und die Anwohner, die weiter oben wohnen und auch Fremde geben eben Gas bergrunter, weil das Spaß macht und es dann gleich wieder hoch geht – wie in der Achterbahn. Bei uns haben sie dann die Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h pro Insasse erreicht und unsere zahmen Katzen machen sich Späßchen daraus, diese Autofahrer durch plötzliches "über die Straße jagen" zu erschrecken.

Nicht so Felix. Er gehörte zu den Wilden. Diese Katzen sitzen still im Versteck und kommen erst aus der Deckung, wenn die Luft rein ist.

Felix hielt sich immer auf dem freien Feld neben der neuen Straße auf. Wenn man ihn dort rief, kam er nicht auf einen zugelaufen sondern lief nach Hause. Nur zu Hause kam er, wenn man ihn rief. Gestern Abend kam er nicht.

Zunächst wollte mein Mann Felixens Reste gar nicht von der Straße "kratzen".

"Wenn du es nicht machst, dann gib mir die Handschuhe", Zorn stieg in mir auf: "Wir können ihn hier nicht auf der Straße lassen." Als Mann will man sich nichts nachsagen lassen: Er hob ihn auf. An einem Bein. Er trug ihn von der Straße und den Abhang hinauf, der als Schallschutz dient. Aber er weigerte sich, ihn mit nach Hause zu nehmen.

"Dann hol mir eine Schaufel!" Ich war beinahe wütend, allerdings mehr auf den Autofahrer als auf den Widerstand meines Mannes. Dennoch sollte man sich mir in einer solchen Situation besser nicht in den Weg stellen und sich trollen. - Er holte die Schaufel.

Wir vergruben Felix im Schallschutzwall. Dort, wo er sich am liebsten aufhielt. Dort, wo er furchtlos war.

Dann ging ich wieder hinunter auf die Straße. "Was willst du machen?" rief mein Mann und ich hatte die "Hasskappe" auf! "Verschwinde" rief ich - aber er wollte nicht. Schließlich war seine Frau gerade dabei, sich über Vorschriften hinwegzusetzen - und eine Straftat zu begehen.

Am Straßenrand lagen von den Bauarbeiten Kanthölzer und Bretter weit verstreut. Ich suchte sie zusammen.

Hinter dem Blutfleck mit den verstreuten Fleischklumpen legte ich zwei Kanthölzer übereinander. Dann holte ich zwei Bretter, die ich als Kreuz daran legte. Ein großes Kreuz von 1 x 1 m an der Stelle, an der eben noch der zermatschte Felix lag.

Derjenige, der diese Straße benutzt hatte und rücksichtslos Gas gab, soll etwas zu tun haben, wenn er das nächste Mal hier entlang fährt.

"Jeder kann dich von der Brücke aus sehen", rief mein Mann in Panik auf dem Schallschutz-wall tronend, auf sein spinnertes Weib herunterschauend und an den Castor denkend, der morgen rollen sollte. "Es wimmelt im Moment hierzulande von Polizeifahrzeugen" und ich lege ein Kreuz auf eine Straße, aber dieses ist kein X sondern ein +: "Na und? Geh schon mal nach Hause und probe hier nicht den Aufstand!" Schließlich ging er.

Männer können manchmal hinderlich sein.

Ich holte ein kurzes Stück von der metallenen Seitenabgrenzung. Schwer war es, aber nicht schwer genug!

Das Teil legte ich neben das Kreuz. So, dass kein Auto hindurchkam. Auf der anderen Seite neben das Kreuz kam ein aus mehreren Brettern zusammengenageltes Holzteil. Nägel standen heraus! Prima! Passt gut! Dann fand ich im Graben neben den Holzteilen noch Nägel, die ich sorgsam auf dem Holzteil verteilte.

Fertig.

Von der Brücke aus sehr gut sichtbar. Der Fleisch-Blut-Fleck und das Kreuz!

Das war ich "Satan-Felix" schuldig. Er war ein friedlicher, glücklicher, kleiner Kater, der nur 1 ½ Jahre alt werden durfte und der 6. in einer Serie überfahrener Katzen in meiner näheren Umgebung in den letzten 6 Monaten (die letzte erst vor genau 2 Wochen). Und er wurde auf einer für den Verkehr gesperrten Straße überfahren.

Ich ging nach Hause, holte meinen Strauß Osterglocken und Forsythien aus der Wohnung. Grub weiße Krokusse aus, die in diesem Jahr noch nicht einmal ihre Blüten geöffnet hatten, denn es war immer kalt geblieben und holte sein Lieblingsspielzeug.

"Satan-Felix" war nach seiner schweren Augenkrankheit auf einem Auge blind geblieben und ich hatte mit ihm mit diesem Spielzeug trainiert, wie man "Mäuschen" fängt. Er hatte eine besonders flinke Fertigkeit entwickelt, dieses Spielzeug zu fangen. Für ihn gab es kein halten, wenn ich ihn damit lockte. Und ich gewann damit mühsam sein Vertrauen. Ich erinnerte mich, welch tolles Gefühl es war, als er es zum ersten Mal zuließ, dass ich ihm über den Rücken streichelte und viel, viel später auch auf den Arm nehmen durfte. Ein völlig angespannter Katzenkörper, jederzeit zum Absprung bereit, darauf lauernd, was da wohl jetzt Schreckliches mit ihm passieren würde – und dann sein zufriedenes Schnurren.

Er hatte einen solchen Tod nicht verdient. Ich hätte ihm gewünscht, dass er alt werden würde.

Aber nun war er von allen Ängsten seines Lebens befreit. Hatte er doch als wild geborener soviel Angst in seinem kurzen Leben: vor den Menschen, vor anderen Tieren, vor unserer ranghöchsten Katze "Bifi" (so dass er sich manchmal nicht in den Wintergarten traute um zu fressen), vor unbekannten Geräuschen, vor hektischen Bewegungen, vor Autos. "Aber bedenke," sagte meine innere Stimme, "als er diese schlimme Augenkrankheit hatte, war er bereits dem Tod geweiht.
Du hast sein Leben um 12 schöne Monate verlängert. Er konnte sich satt fressen, wann immer er wollte, er konnte sich auf weiche Kissen kuscheln oder in kleine Höhlen im warmen Wintergarten zurückziehen, durfte im Teich angeln und bekam am Tag vor seinem Tod noch deinen dicksten Koi aus dem Teich, der den Winter nicht überlebte und er liebte deine Hände und deine Stimme.

Für heute Nacht waren 10 Grad minus angesagt. Die Blumen würden es nicht überleben.

Felix hatte es auch nicht überlebt. Es tröstet mich: Er hat nicht gelitten. Er hat nicht stundenlang auf der Straße gelegen in einem quälend langen Todeskampf.

Ich musste an den kleinen Jungen denken, der sich an diesem zermatschten Katzenkörper die Mühe machte, meine Telefon-Nummer auf der SOS-Marke auswendig zu lernen. Ich hätte gern mit ihm darüber gesprochen. Ohne ihn hätte ich sicher erst übermorgen hier nach Felix gesucht, denn es war die Zeit der Rolligkeit. Felix war kastriert, aber manchmal werfen sich auch kastrierte Kater auf einen schönen Untergrund und genießen es, sich hin- und herzurollen und kommen erst wieder, wenn der Hunger sie heim treibt. Wie gut, dass auch alle Wilden, die ich gezähmt habe, von mir ein Halsband mit Namensschild und Telefon-Nummer bekamen.

Ich stand unterhalb der Brücke und beobachtete die Menschen, die darüber gingen und auf das Kreuz starrten.

Wenn er hier wieder entlang fährt, muss er erst mal anhalten und die Straße räumen.

Nicht alle, aber die Menschen, die selbst eine Katze so verloren haben, werden mich verstehen.

 

26. März 2001

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