Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Ein Teufelskerl

Als meine Nichte mir verkündete, dass ihr ein freudiges Ereignis bevorstand, war ich zunächst verblüfft und dachte: So kann es gehen, eigentlich wollte sie keine Kinder.

Nachdem sie mir erklärte, dass die Geburt bereits in 4Wochen erwartet wurde, hätte ich gern meinen Gesichtsausdruck gesehen. Schließlich hatte sie überhaupt nicht zugelegt!

Dann erklärte sie mir, dass sie erwarten würde, zumindest einen Teil des Nachwuchses bei mir unterzubringen. Zunächst schoss mir durch den Kopf Hormonbehandlung – Zwillinge – oder gar drei und soviel will sie nicht.....

Manchmal braucht eine alte Tante eben etwas länger, bis der Groschen fällt! Ich war auf dem falschen Dampfer! Meine Nichte erwartete Katzennachwuchs!

Sie hatte seinerzeit zwei junge Kätzinnen von uns zu sich genommen, weil ihre Katze überfahren wurde und sie nicht ohne Katze sein wollte. Schon vor der Geburt dieser Katzenkinder hatte ich ihr versprochen, wenn ein "buntes" Kätzchen dabei sein würde, bekäme sie es. Es war ein buntes dabei. Wir nannten es Piezi. Das 2. weibliche Kätzchen erschien uns schwarz und hatte einen cremefarbenen Fleck unter dem Kinn. Sie taufte es Lucie und nahm es zur Gesellschaft von Piezi ebenfalls zu sich. Während Piezi eine weiche anschmiegsame Katze wurde, entwickelte sich Lucie zu einem Kampftiger und mit dieser Entwicklung stromte sich ihr schwarzes Fell und wurde von rötlichen Haaren durchzogen.

Pünktlich Mitte Mai stellte sich der ersehnte Nachwuchs von Piezi und Lucie ein. Zunächst brachte Piezi 4 Welpen zur Welt, 1 grau-getigertes, ein schwarz-weißes, ein Glückskätzchen und ein rotes! Die Freude war groß. Ich hatte mir immer einen roten Kater gewünscht. Wir hatten vorher schon vereinbart, dass ein rotes Kätzchen mir gehören würde und egal ob weiblich oder männlich, "Red Chilly Pepper" heißen würde.

Wenige Tage später brachte Lucie 5 Welpen auf die Welt. Alle in den Farben von Lucie: dunkel und irgendwo ein cremefarbenes oder rötliches Fleckchen, ein weißes Füßchen oder einen hellen Bauch.

Beide Kätzinnen teilten sich die Arbeit mit den Kleinen vorbildlich. Überwacht wurde das ganze von der Dalmatiner-Hündin meiner Nichte, die im Notfall die Kleinen wärmte und an sich herumnuckeln ließ oder sich als Kletterberg zur Verfügung stellte.
Besuchte man meine Nichte, fand man im Bücherregal, auf dem Video-Rekorder, in der Kachelofenklappe, in den Blumentöpfen, aber auf jeden Fall im Hundekorb jede Menge kleiner Kätzchen.

Wir konnte es kaum erwarten, "Red Chilly Pepper" zu uns zu nehmen.
So testeten wir zunächst, ob "Red Chilly Pepper" sich mit unserer Hündin verträgt. Wir nahmen die Hündin mit und ließen Kätzchen und Hündin frei im Garten laufen.

Die Hündin war ihm egal. Er wollte Löcher buddeln. Dabei wurde er von allen Seiten von unserer Hündin beschnüffelt. Einmal gefahrlos den Geruch aufgenommen ("diese Katze haut mir keins auf die Nase"), war das Kätzchen akzeptiert.
In der ersten Juli-Woche holten wir ihn in unser Katzenparadies.

Wie war es nun mit der Akzeptanz Hund/Katze. Das etwas unglückliche Kätzchen (hatte sein Schmusetuch mit Gerüchen von Zuhause dabei), machte Annäherungsversuche bei unserer Hündin. Diese jedoch dachte: Distanzhalten ist immer besser, als doch noch eins auf die Nase zu bekommen. Kam er ihr also zu nahe, knurrte sie. Er lernte schnell und nach einigen Tagen, ließen wir ihn in den Wintergarten, in dem unsere "wilden" Katzen übernachteten.

Misstrauen, langsames nähern von hinten, Geruch aufnehmen, grollen, knurren, fauchen. Ups, wir hatten ein Problem! Nicht mit dem Hund sondern mit der wilden Katzenbande.

Zunächst etwas irritiert, störte das Chilly überhaupt nicht. Er war schließlich ein toller Kater! Auch er konnte fauchen!

Das wiederum überraschte die anderen. Das war ja auch so etwas wie sie selbst!

Also zunächst Abstand und dann dicke Freundschaft mit Felix (den wir früher Satan nannten). Ein toller Kumpel, zum Raufen.

Dann kam eine Zeit, die uns viel abverlangte. Red Chilly  Pepper bekam Hirnhautentzündung. Er war so winzig, noch so neu. Meine Nichte hatte schon einmal solch einen roten Kater durch eine Krankheit verloren. Lag es vielleicht an der Farbe? Sind "bunte" Katzen anfälliger?

Ich nahm ihn täglich mit ins Büro. Alle 4 Stunden bekam er seine Medizin

und etwas Katzenmilch in einer Spritze eingeflößt. Mein sonst so katzenfeindlicher Kollege, der als Jäger gern Katzen beseitigt, entpuppte sich als weicher Kerl in seinem Innersten. Er sah den kleinen, torkelnden Kater, der sein Gleichgewicht bedingt durch die Krankheit nicht halten konnte und sagte: "Zuhause hätte ich die 23-Pfennig-Lösung (Schrotladung) für dich gewählt, aber du hast eine ganz besondere Katzenmutter und vor der habe ich Achtung....."

Er nahm also alle 4 Stunden den kleinen Kerl aus dem Korb und flößte ihm die Milch und die Medizin ein. Red Chilly Pepper hatte soviel Respekt vor ihm, dass er sich nicht wehrte. Nach 4 Tagen hatte er das Schlimmste überstanden. Aber er hatte noch immer einen leicht schwankenden Gang.

Wenn ich heute die Fotos betrachte, sehe ich erst, wie elend er aussah.

Doch:

"Red Chilly Pepper" war dem Teufel von der Schippe gesprungen und entwickelte sich dementsprechend: Teuflisch!

Ich habe immer sehr darauf geachtet, dass die Katzen sich nach Möglichkeit nicht in der Bärenwerkstatt aufhalten. Es gibt viele Menschen, die keine Katzen mögen oder eine Allergie haben.

Im Urlaub hatte ich einige Katzenspielmäuse gekauft und sie auf meinem Arbeitstisch in der Werkstatt deponiert, nicht ahnend, was ich damit anrichtete.

Chilly ist neugierig. Ihn interessiert einfach alles. Auf seinem Streifzug durchs Haus entwickelte er Fähigkeiten, die nur Sherlock Holmes oder Edgar Wallace überbieten konnten. Roter Chilly-Pfeffer hatte in Windeseile die Mäuse ent-deckt und sie mit einem "Prankenhieb" in der Bärenwerkstatt verteilt, um ihnen sofort nachzuspringen.

Toben ist schön.

Da er nun wusste, wo er sie fand, gab es kein Halten mehr. Wo 10 waren, konnten nur noch mehr sein! Unzählige Male hob ich ihn vom Tisch, auf dem natürlich Nadeln, Fäden und zur Chilly-Freude, auch wunderbar raschelnde Plastiktüten mit zugeschnittenen Bärenteilen lagen. Das Chaos war vollkommen! Ich konnte mich nicht so schnell umdrehen, wie er wieder auf dem Tisch saß, die Tüten verwuselte, die aufgesammelten Mäuse wieder nach unten beförderte und den ein oder anderen Papierschnipsel ebenfalls. Alles wird mit der Pfote berührt und wenn es sich auch nur im geringsten von der Stelle rührt, ist es ein Spielzeug! Als er sich die Kartons mit den Mohairstoffen näher ansah und mit seiner Pfote darin zu angeln begann "flog er raus".

Wir bewohnen den oberen Teil des Hauses. Dort befindet sich auch die Bärenwerkstatt.

Chilly ist nicht bange. Wenn seine Katzenkumpels sich nicht mehr ärgern lassen, wartet er, bis irgendjemand die Tür öffnet und dann geht’s ab im Sauseschritt. Leichtfüßig, flink und vorwitzig wird die Bärenwerkstatt umgeräumt!

"Wollte sie nicht schon immer Hilfe haben?"

Ich habe viel gelernt, vor allem, das Stempelkissen immer zu verschließen!

Chilly kann lesen. Sitze ich am Computer, springt er auf den Schreibtisch: "Mal schauen, was sie da schreibt. Ah, interessant! Aber da war doch ein Schreib-fehler!" ---Tipp---, mit der Pfote auf die Tastatur geditscht und schon ist alles berichtigt! Stolz schaut er auf sein Werk auf dem Bildschirm.

Ich glaube, meine Arbeit am Computer kann ich für heute beenden.

Chilly liebt Blumen. An seinen ersten Tagen in unserem Katzenparadies tauchte er sein Näschen in alles was blühte und genoss es sichtlich. Leider machte diese Vorliebe auch nicht vor den Stubenpflanzen halt. Als alle lebenden Blumen todgekaut waren, und ich mich für Arrangements in Seide entschlossen hatte, überraschte er mich eines Tages mit einem Wohnzimmer, in dem er viele kleine Einzelblüten auf dem Boden dekoriert hatte. Es sah aus, wie nach dem Blumenstreuen auf einer Hochzeit.

Er hatte meine künstlichen Schneebälle genüsslich in Einzelblüten zerlegt.

Doch wo war er? Rufen und suchen brachte keinen Erfolg. So wollte ich, bevor ich die schöne Dekoration mit dem Staubsauger beseitigte, zunächst meine "Arbeits- und Wohlfühlklamotten" anziehen. – Nanu, bewegten sich da nicht gerade meine Blusen im Schrank. Blusen können sich nicht von allein bewegen.

Chilly half nach. Er hatte es sich unter den Blusen gemütlich gemacht. Durch seine Bewegung bewegten sich die Blusen und wenn sich etwas bewegt, muss es untersucht werden, könnte ja ein Mäuschen sein.

Kaum aus dem Schrank "entfernt" hat er schon etwas Neues entdeckt: Das Zugband vom Raffrollo! Toll! Bewegt sich, wenn man es berührt! Was sich bewegt, muss gefangen werden! Mit kühnen Sprüngen uns ausgefahrenen Krallen hechtet er an der Wand hoch – und wir haben gerade tapeziert.

Chilly muss abgelenkt werden.

So wurde unsere Wohnung nach und nach überflutet mit Ü-Ei-Kugeln, weil sie so schön rollten, künstlichen Mäuschen, kleinen Fellresten, Zedernholzkugeln – rochen auch noch gut – kleinen Glöckchen, Garnröllchen in allen Farben und allem was herumlag. Sogar meinen Schmuck, den ich auf dem Tisch abgelegt hatte, fand ich auf dem Fußboden wieder.

Wie erziehe ich meinen Menschen?!?!

Ich habe von einer Katze gehört, die die gelben Seiten eines Telefonbuches in viele kleine Einzelteile zerlegte. Was soll man auch mit gelben Seiten? Schließlich will die Telefon-Auskunft auch leben. Der zu dieser Katze gehörende Mensch hat dann – weil die Katze Staubsauger hasst – all die kleinen Schnipsel mit Handfeger und Schaufel und den Fingern aufgesammelt und beseitigt. Das nenne ich Katzenliebe.

Was habe ich da für ein Glück mit Chilly. Er hat nichts gegen Staubsauger!

Und schließlich gibt es auch Tage, da finde ich irgendwo auf einem lauschigen Plätzchen ein brav zusammengerolltes Knäuel Chilly. Müde vom Arbeiten in der Wohnung und Bärenwerkstatt. Wenn er mich dann aus verschlafenen Augen ansieht und mir zu sagen scheint: "Hab ich das heute nicht wieder gut gemacht?" - sollte ich ihm dann böse sein? Schließlich hat er sich doch solche Mühe gegeben!

Gehe ich mit meinem Hund spazieren, taucht er aus dem Nichts auf, springt mit leicht gekrümmten Rücken aufgeregt vor uns her – wie ein Eichkater – und begleitet uns. Unzählige Male habe ich den Spaziergang abgebrochen, bin umgekehrt, habe einen Weg genommen, der ungefährlich für Katzen ist.

Ruft man ihn, kommt er nicht! Warum auch? Er sieht und hört uns doch, es ist nicht nötig, dass wir ihn sehen – aber wir hören ihn. Es ist dann nicht schwer ihn zu finden. Sein besonders lautes und gleichmäßiges Schnurren zeigt uns den

Weg zu seinem Versteck. Zusammengerollt im Weidenkörbchen liegt er in der Sonne im Wintergarten und genießt sein junges Katzenleben.

September 2000

Chilly war im Mai 2001 etwas abgemagert.

Ich machte von ihm und Velvet Fotos am Teich. Es waren die letzten.

Chilly verschwand am 23. Mai 2001 spurlos.

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