Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Ein ganz normaler Jahreswechsel

Nach Weihnachten und eigentlich schon weit vorher geht es los: Die Planung des Silvester/Neujahrs. Am ersten Tag des neuen Jahres hat Vati Geburtstag!

Er wird 84.

Es kommt eigentlich nur die Familie.

Mutti hat sich wohl was verklemmt. Seit Weihnachten kann sie nicht laufen. Ich darf allein einkaufen. Auch schön. Am 28. beginnt die heiße Diskussion um das zu kochende Essen und mir fällt der Spruch ein: Mine Fru, de Ilsebill, will nich so as ick all will.
Sie will Braten bestellen beim Fleischer und ich soll trotzdem noch eine Schnitzelpfanne machen.
Staatsempfang also.

Ich rufe meine Schwester an und will Zuspruch von ihr. Die sagt: "Reg dich nicht auf, du kommst sowieso nicht gegen sie an, sie macht doch was sie will."

Aber ich muss für sie einkaufen und kochen. Schaun mir mal.

Am 29. herrscht Schweigen zwischen Mama und mir. Vati sagt: "Machs wie du willst, frag sie gar nicht erst." Ich denke, o. k. ich muss ja einkaufen, sie kann ja zur Zeit nicht laufen. Aber manchmal kommt es anders als man denkt.

Am 30. (Samstag) stehe ich morgens mit meinem fertigen Einkaufszettel in Muttis Küche. Meine Frage, wie viele Personen eigentlich kommen, beantwortet sie eigentlich nicht. So gehe ich weiter davon aus: Die Familie = diesmal 13 Personen. Danach ist meine Planung erfolgt.

Nun eröffnet sie mir, sie hat telefonisch einen Braten für 10 Personen bestellt.

Schnitzelpfanne soll es trotzdem geben.

Ich bin frustig, verlasse die Küche, muss meinen Einkaufszettel ändern. Schreibe ihn um von nur Schnitzelpfanne auf Schnitzelpfanne und Pfeffer-nacken, gehe wieder zu ihr und sie sagt, "Pfeffernacken war aus, ich habe Burgunder bestellt."

Zu Burgunder passt mein Einkaufszettel nicht, also schreibe ich ihn noch einmal um. Ich wende ein, dass wir dann aber Kartoffeln zum Burgunder und Reis zur Schnitzelpfanne machen müssen. Sie antwortet: "Na und?" – O.k. - na und?

Ich bin stinkig und sage, dass ich Soße aus der Tüte blöd finde. Aber sie hat vorgesorgt und den Braten mit Sud bestellt.

Ich ärgere mich über die doppelte Kocherei. Wozu zwei verschiedene Essen

für einen stinknormalen 84. Geburtstag, wo doch nur die Familie kommt.

Um 9.30 Uhr bin ich beim Schlachter. Nachdem sie zuerst den Zettel nicht finden: "Auf welchen Namen könnte es denn noch bestellt sein ....?" stellen sie fest, dass der Braten erst um 11.00 Uhr fertig ist.

Schade. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätten keinen Braten reingeschoben.

Um 11.00 Uhr muss ich beim Tierarzt sein, mit unserer mal wieder schwerkranken Bifi.

Ich sage also höflich: "Kein Problem, ich komme wieder", lächle freundlich und denke: So hinterlässt du wenigstens einen guten Eindruck.

Real-Kauf: die Soßen, etwas für den Schichtsalat, Filtertüten für Papa nicht vergessen, Frostchampignons, Blumen. Albrecht Feinkost (auch kurz Aldi genannt): die Eisbombe, H-Sahne und Schmand.

Die Eisbombe und die Blumen nach Hause bringen, in die Stadt fahren, noch mehr Blumen kaufen (die Blumen-Deko für den Tisch vom billigen Holländer), Teddybärenaugen besorgen und die am Wochenende zuvor verborgten Schüsseln abholen. Nach Hause fahren, die Katze einfangen und einladen.

Wieder zum Schlachter, Fleisch und Sud abholen, mit der Katze zum Tierarzt fahren, auf der Rückfahrt beim Lidl anhalten: Schinkenwürfel, Miracel Wip und geraspelten Käse kaufen.

Hab ich auch nichts vergessen?

Gegen 13.00 Uhr komme ich nach Hause. Schleppe alles rein: Katze, Schinkenwürfel und Fleisch (natürlich getrennt).

Die Torte hatte ich schon über meine Schwester wegorganisiert. Sie kümmert sich darum. Alles soll klappen und möglichst perfekt sein.

Mein Unterzucker stellt sich ein (ich bin kein Diabetiker, aber es ist so ein Gefühl wie Unterzucker). Ich mach mir schnell ein Brot, der Rest meiner Familie fragt mich, was es sonst noch zum Mittag gibt und: ..........

Mutti ruft.

Gegen 14.00 Uhr erzählt sie mir, dass 5 Personen mehr kommen – wahrscheinlich! Ich kann es kaum fassen, das sind 25 %!!!!!!!!! .....mehr!...... Ich schwing mich in mein Auto und ab zu Neukauf (ist am dichtesten). Fleisch nachkaufen und 3 Kilo Rosenkohl.

Zu Hause geht mir alles noch einmal durch den Kopf. Ich falle in einen Sessel und versuche mich zu erinnern, was ich vergessen habe.

Mutti ruft.

"Erika, den Braten musst Du aber im Sud im Topf warm machen, sonst trocknet er so aus!" "Ja, Mama. - Wusstest du eigentlich schon: Ich bin 47 und nicht 7!"

Silvester beginne ich noch im Schlafanzug mit dem Kochen. Pule den Braten

aus der Folie, wobei der Saft, der sich in der Folie gesammelt hat, überallhin läuft. Manscherei!

Schließlich bin ich Herr meiner Töpfe: Eine Pfanne voll Zwiebelschnitzel aus der Maggi-Gerüchteküche, zwei Braten vom Fleischer in einem Topf, ein Topf mit Champignon-Soße und ein Topf Zwiebelsoße beides aus der Maggi-Gerüchteküche, je ein Topf für die Kartoffeln, den Rosenkohl, den Reis (brauch ich erst morgen).

In der Küche türmen sich aufgerissene Soßenpulver-Tüten (natürlich nur die von Maggi Meisterklasse), H-Sahne Tetra-Pack und Schmandbecher – leer.

Danach machen wir Schichtsalat. Mutti schneidet im Sitzen in ihrer Küche.

Ich schichte im Stehen in meiner Küche. Sie hat für ca. 80 Personen Salat geschnitten: "Warum verbrauchst du den Salat nicht?" fragt sie. "Weil die beiden Schüsseln schon voll sind," erwidere ich. "Dann nimm doch eine

größere Schüssel!" Ich finde, es stimmt, was meine Schwester sagt, aber:

Es reicht sicher auch so schon für 40 Personen.

Dann wird die Bären-Werkstatt ausgeräumt, damit alle sitzen können.

Am Abend komme ich in die Küche meiner Mutter. Obwohl ich meiner Mutter gesagt habe, dass meine Schwester 3 Torten hat, backt sie einen Obstboden – auf zwei Krücken stehend!

Ich rufe meine Schwester an. Sie sagt, sie hätte nicht 3 sondern 4 Kuchen und

wir einigen uns, dass sie eine Frosttorte nicht auftaut:

Mutti ruft.

 

Ich soll ihr die Haare eindrehen. Also denn.......... Noch ein bisschen Haarfestiger auf den Pfirsichboden. Wie gut, dass ich an diesem Silvesterabend nichts anderes vorhatte. Sie fragt mich, ob sie noch Rotkohl kochen soll, gleich platze ich!!!: "Untersteh dich. Ich hab 3 Kilo Rosenkohl!"

Eine Stunde später muss ich durch Muttis Küche um im Wintergarten die Katzen zu versorgen (Silvesterknallerei mögen Katzen nicht).

Ich komme am Obstboden vorbei und denke im vorübergehen: Der sieht aber komisch aus. Anders als sonst.

Im Wintergarten steht meine Mutter – auf ihren beiden Krücken.

Jetzt bekomme ich zu hören, was ich eben bemerkte: Tiffany (unsere jüngste Katze) – die böse – hat den Obstboden angeknabbert. Ringsrum hat sie die kleinen Kanten mit ihren winzig kleinen Zähnen bemustert!

Nie zuvor und nie danach habe ich Tiffany auf einem Tisch gesehen. Was hat sie sich dabei nur gedacht? Ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. Strafe muss eben sein.

Ich rufe meine Schwester an und erkläre ihr, dass wir einen Kuchen weniger haben. Kein Problem, sagt sie und taut einen mehr auf.

Ich bin froh, dass wir uns in diesem Jahr nicht mit Freunden verabredet haben.

******

Es ist die nebligste Silvesternacht, die ich bisher erlebt habe. Man sieht gerade die Raketen in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Alsbald beginne ich das Neue Jahr im Schlaf.

1. Januar

Tischdecken bügeln, Tische eindecken und dekorieren, Schüsseln bereitstellen,

Badezimmer noch einmal schnell putzen. Essen in den Backofen und anstellen.

Kurz nach 11.00 Uhr lädt Mutti noch Tante Inge ein.

Die kriegen wir jetzt auch noch unter.

Der teure Blumenstrauß lässt die Gerbera hängen. Er wird doch wohl keinen Frost bekommen haben?

Dann: Schwiegerleute und Tante Inge abholen.
Reis, Rosenkohl, Soßen anwärmen.
Die ersten kommen schon.
Ich bin noch in Arbeitskleidung..............Töpfe über die Platten jonglieren, Fleisch aufschneiden, Soßen umrühren,
Reis, Kartoffeln und Rosenkohl abgießen. Alles auf die Tische tragen. Alle abfüttern.

Ich mag nicht mehr.

Alle loben die Soße und "hauen vor allem den Burgunderbraten wech". Ich werde Maggi einen Dankesbrief schreiben.

Nach den 4 Torten setzt Eisregen ein. Alle flüchten.

Vom Schichtsalat bleiben die beiden Schalen fast voll. Aber meine Schwiegermutter erklärt mir tags darauf, dass sie davon überhaupt nichts abbekommen hätte.

Same procedur as every year.

 

EHS, im Januar 2001

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