Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

Das Wegwerf-Geschenk

20.10.2000, 7.15 Uhr.
Es pressiert. Wie jeden Morgen. Doch heute besonders. Morgen wollen wir für eine Woche nach Berchtesgaden fahren (50. Geburtstags-Fluchturlaub) und es sollen einige Bären mit. Heute muss ich noch arbeiten. 7.30 Uhr ist Dienstbeginn. Mein Mann wartet im Auto mit laufendem Motor.

Er will mich zur Arbeit fahren.

Wir kommen nicht weit.

Nach 15 gefahrenen Metern läuft uns ein "buntes" Fellbündel vors Auto. Er bremst. "Wir haben sie nicht erwischt." Ich sage zu ihm: "Was war denn das?" "Eine Katze!" "Aber eine solche Katze habe ich in dieser Gegend noch nie gesehen! Halt mal an, die war noch ganz klein." "Sie ist schon weg", sagt er, wohl mit dem Gedanken an unsere Katzenbande, die sowieso schon groß genug ist. Ich steige aus und laufe in die Richtung, in der die Katze verschwand.

Unten im Graben sitzt sie und schaut mich an. Mir blitzt es durch den Kopf. Vorsichtig! Langsame Bewegungen, nicht verscheuchen. Mit meiner sanftesten Säuselstimme sage ich: "Ja, wer bist denn du? Woher kommst du denn?" und erwarte, dass sie flüchtet und ich vor Abfahrt in den Urlaub keine Zeit mehr haben werde, eine Falle aufzustellen. Doch nichts da. Mit einem "Mau" antwortet sie und kommt auf mich zugelaufen und ich denke: 
"Ups, diesmal keine Wilde?!"

Sie läuft mir direkt in meine ausgestreckten Hände und versucht, mir in ihrer Katzensprache etwas zu erzählen. Ich trage sie vorsichtig die wenigen Schritte, sanft auf sie einredend zum Haus, bringe sie in den Wintergarten, wo sie sich sofort völlig ausgehungert auf die Futternäpfe stürzt und diese knurrend gegen die restlichen Katzen verteidigt. Schnell schließe ich die Wintergartentür, informiere ich die restliche Familie, die bereits fassungslos in der Tür steht – und komme zu spät zur Arbeit.

Meine Kollegen können es kaum glauben: Ich habe schon wieder eine Zuspätkomm-Katzenentschuldigungs-Geschichte auf Lager.

Ich habe Schwierigkeiten, mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Morgen fahren wir in Urlaub und habe eine niegel-nagel-neue Katze! Da gibt es einiges zu bedenken. Ganz zu schweigen von den Überredungskünsten, die ich brauchen werde, um meine Familie – dazu gehören auch meine schon recht alten Eltern – davon zu überzeugen, dass wir ein weiteres Tier beherbergen müssen. Ich kann es kaum erwarten, dass dieser Arbeitstag vorbeigeht. Morgen fahren wir in Urlaub und ich habe noch nichts – außer der Urlaubs-Bärenwerkstatt – gepackt!

Könnte diese Katze jemandem aus der Nachbarschaft gehören? Nein. Alle haben Katzen oder Hunde. Dort wo ich sie fand, bestand eigentlich nur eine Möglichkeit. Sie wurde ausgesetzt. Ein lästiges, kleines spät-Juli-Kätzchen, das keiner wollte. Wir wohnen am Stadtrand. Unserem Grundstück gegenüber liegen zwei Grundstücke, auf denen es unzählige Unterschlupfmöglichkeiten und Mäuse gibt. Dort arbeiten robuste Männer – Holzfällertypen – die alle vom Land kommen. Ich vermute, einer von ihnen hat sich gedacht 
...................oder setzte man die Katze in meiner Nähe aus, weil man wusste (Internet), dass ich mich um sie kümmere?

Um 14.00 Uhr komme ich nach Hause. Der erste Weg – nach der Begrüßungszeremonie mit unserem Bärenhüte-Hund – führt zu der neuen Katze. Ich finde sie nicht. Hat sie vielleicht doch jemand hinausgelassen? Besorgt frage ich meine Mutter, die es klären kann:
 "Schau doch mal ins Katzenklo!"

Zusammengerollt liegt das kleine Fellbündel in der Katzenstreu-Höhle. Ich hole sie heraus und mir fällt auf, dass die kleine im Gegensatz zu allen anderen, die ich bisher hatte, keine Krallen zeigt. Sie kuschelt sich an mich und mauzt.

Ich muss Koffer packen – und die Katze an den Hund gewöhnen. Wie viel Stunden bleiben mir? - Also trage ich das Fellbündel in unsere oben liegende Wohnung und lasse sie in der Wohnung laufen, damit sie sich umsehen kann.

Ich weiß, dass unser Hund einmal ihren Geruch aufnehmen muss, um sie zu akzeptieren. Wie bringe ich das der kleinen Katze bei? Vielleicht kannte sie schon einen Hund, vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen gemacht.

Als unser Hund sie erblickt, ist er ganz freudig aufgeregt. Ich bemerke, dass das Kätzchen nicht krallt und halte es auf meinem Arm, dann gehe ich in die Hocke und versuche es näher an unseren Hund zu bringen: 1 m - 80 cm – 60cm – 50...aus. Sie knurrt! Das versteht unser Hund. Es bedeutet in der Hundesprache:
"Achtung! Nicht näher! Lass mich in Ruhe!" – und in der Katzensprache: "Mach dich davon, sonst hau ich dir eins auf die Nase!"

Ich versuche es noch einmal. Andersherum. Katze mit dem Hinterteil in Richtung Hund. Diesmal komme ich etwas näher. So werden wir es schaffen.

Der erste Schritt ist gemacht.

Ich lasse beide im Raum frei laufen, in der Hoffnung, dass es keinen Toten gibt.

Da das Kätzchen nicht wegläuft sondern sich hinhockt und den Schwanz um sich legt, sieht unser Hund keinen Handlungsbedarf. Was nicht wegläuft, muss nicht gejagt werden. Also legt auch er sich hin.

Ich packe den Koffer. Das Kätzchen ist gar nicht bange: "Was passiert da?" Sie springt auf das Bett, schaut zu, setzt sich in den Koffer, dann unter die aufgeklappte Kofferhälfte: Eine Höhle!

Als sie nach einer Weile nicht wieder herauskommt, klappe ich den Koffer zu. Sie liegt da, tretelt und nuckelt an der Bettwäsche. Sie muss wirklich noch sehr jung sein.

Um 17.00 Uhr rufe ich im Tierheim an. Gott sei Dank hat niemand eine Katze als verloren gemeldet. Ich will keine Beschreibung des Tieres abgeben. Denn  diese Katze ist schön. Bildschön. Und hergeben will ich sie auch nicht. Nur, wenn jemand dicke Krokodilstränen um sie weint, soll er sie wiederhaben. So hinterlasse ich meine Rufnummer und erkläre: "Das Tier kann bleiben." Ich höre, wie der Dame am anderen Ende der Leitung ein Stein vom Herzen fällt. Sie notiert: ".....kann bleiben."

Ich rufe in der Tierarztpraxis an: "Ich habe eine Katze gefunden ..". Ich kann nicht aussprechen, denn die Sprechstundenhilfe sagt mit einem herrlichen Unterton: "Gefunden????" – Ich ersuche zu erklären: "Diesmal habe ich keinen Käfig aufgestellt, Ehrenwort!" und informiere sie kurz über die Ereignisse vom Morgen und das mir aufgefallen ist, dass das Kätzchen ständig den Kopf schüttelt. Die Ohren sind von innen ziemlich schwarz. Ich vermute Milben und soll gegen 19.00 Uhr kommen.

Die Tierärztin findet keinen Chip und keine Täto, dafür aber jede Menge Flöhe

(Schreck lass nach, sie saß auf meinem Bett!!) und Ohrmilben. 10 Qu Tips voll Milbenkot werden entfernt. Unsere Söhne werden allerhand mit Ohrspülungen zu tun haben, während wir auf die Berge kraxeln.

Die ca. 3 Monate junge Katze wird mit Flohmittel eingesprüht und sieht danach aus, wie ein Rosettenmeerschweinchen. "Behalten Sie das Kätzchen?" Ich trau mich kaum, "ja" zu sagen. "Welchen Namen sollen wir eintragen?"

"Tiffany"

Dann die schlimmste Frage: "Wie viele haben sie denn jetzt?" –

Sie müssen mich wirklich für verrückt erklären!

Ein wenig unruhig fahre ich in den Urlaub. Besorgt wird jeden Tag telefonisch nach der neuen Katze gefragt: "Gibt es Schwierigkeiten mit den anderen Katzen? Streichelt ihr sie jeden Tag? Holt sie in euer Zimmer, redet mir ihr!"

Kaum zurück, führt der erste Weg in den Wintergarten.

Alle Sorgen umsonst. Tiffany hat einen Freund gefunden: Red Chilly Pepper.

Das Kätzchen entpuppt sich als ein äußerst zutrauliches, zärtliches, liebe-bedürftiges Katzenkind, dass menschliche Nähe braucht. Ich habe großes Vertrauen zu ihr. Sie wird uns nicht weglaufen. Ich lasse sie bereits am 10. Tag vor die Tür. Sie ist überhaupt nicht bange. Alles wird sofort ergründet, beäugt und erforscht. Auch der Teich! Im Gegensatz zu anderen kleinen Katzen hat sie nicht nur einen kleinen Radius um die Tür herum, nein, der ganze Garten gehört ihr. Nun bin ich doch etwas besorgt, rufe nach ihr, hole sie immer wieder ins Haus, lasse sie dann wieder hinauslaufen. Das Problem habe nur ich. Sie nicht.

Sie hat ein anderes. Ich bemerke, dass sie Schwierigkeiten hat, zu springen. Sollte das noch mit den Ohren zusammenhängen? Ich setze sie auf unseren Pfirsichbaum. Sie stürzt fast ab. Ich versuche, ihr zu zeigen, wie es die anderen Katzen machen. Es will nicht so recht klappen, ich habe die Vokabeln nicht richtig gelernt.

Außerdem scheint sie nach kurzer Zeit müde zu sein. Es wird also ein weiterer Tierarztbesuch notwendig.
Die Ohren – stellt die Tierärztin fest – sind fast o. k., aber das Kätzchen hat Fieber und eine Pustel auf der Zunge, die auf Katzenschnupfen deutet. Das wäre eine Katastrophe für meine Katzenbande! Einige sind noch nicht geimpft, weil ich sie nur schlecht in den Katzenkorb bekomme.

Ich habe noch nie eine Katze gesehen, die sich so problemlos die Antibiotika ins Maul spritzen ließ. Was haben wir doch für ein Schätzchen.

Abends knusperte mein Mann Brotchips. Das Kätzchen setzte sich vor ihn und mauzte ihn an. Was wollte sie? Als er sie so gar nicht verstand, legte sie ihre Vorderpfoten auf die niedrige Platte des Glastisches und angelte nach der Tüte.

Da fiel es uns wie Schuppen aus den Haaren! Sie war vom Tisch gefüttert worden! Wir gaben ihr ein kleines Brotstück und sie knusperte glücklich vor sich hin und suchte sich dann eine andere Beschäftigung. Hier hieß "Mau" also: "Möchte nur mal probieren, was Menschen so mögen."

Dieses Kätzchen hat uns gesucht und gefunden. Wie selbstverständlich kannte es in null Komma nichts den Weg durchs ganze Haus, hat sich mit unserer restlichen Katzenbande – sogar mit Häuptling Bifi – und unserem Hund angefreundet, und mit ihrem zärtlichen, unaufdringlichem Wesen unser Herz erobert. Sie wurde weggeworfen und auf diese Weise ein Geschenk eines Unbekannten zum 50. Geburtstag meines Mannes- oder hat Moritz sie uns geschickt?

13.11.2000

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