Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Black Jack

 

 Am 06.07.2005 kam ich morgens mit dem Rad zur Arbeit. Da saß er, der schwarze junge Kater zusammengekrümmt mitten auf dem Parkplatz, wie eine frierende Katze, die sich nicht wohl fühlt. Zunächst dachte ich, unser Hausmeister hat sich eine Katze angeschafft. Fast jeder meiner Kollegen streichelte sie. Sie war hungrig und gab alles, um etwas Futter zu bekommen. Aber wer hat schon morgens auf der Fahrt zur Arbeit Katzenfutter bei sich. 

Marion, meine Kollegin, hatte Chicken Chips dabei. Drei Stück klein geschnitten waren wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Beim Fressen sah ich seine Verletzung. Ein 25 cm langer Schnitt vom Hals zum Schwanz, in der Mitte eine daumennagelgroße Wunde ver- krustet. Mitleid. 

Die Chefsekretärinnen ließen sodann keine Ruhe. Sie fuhren mich nach Hause, Katzenkorb holen. Kater im der Expedition eingesperrt, Korb geholt, Kater rein, nach Hause gefahren. Gut gefüttert. 

Ich komme mittags heim und denke: Unter welchem Schrank hat er sich denn nun ver- krochen? Die Taschenlampe an, auf dem Boden kniend gucke ich unter die Schränke und tauche mit meinem Kopf nahe dem Fahrrad am Korb wieder auf. Dort eingekuschelt in einem im Korb achtlos abgelegten Kissen, Auge in Auge mit mir, das Katzenkind. Aha, ein Hochschläfer.  

Ich glaube, dieser Kater hat zum ersten Mal eine Kiste mit Kissen gesehen. Nur für ihn allein. Noch etwas tollpatschig im Umgang mit Kuschelkisten, ragt er sie beim Aussteigen aus dem leichten Styroporbehälter immer wieder auf den Boden. Er lernt es schon noch.  

Fressen, fressen, fressen. Es gibt nichts Wichtigeres und reden………Wenn ich seine Lebensgeschichte nur verstehen könnte. 

Am Donnerstagmorgen geht’s zum Tierarzt. Kastration. Und während sich noch die Fronten in der Firma teilen: „Ich wäre nicht damit einverstanden, wenn ich einen kastrierten Kater zurückbekäme“ und „der Kater muss hier weg von der Straße“ zu „bringen Sie ihn wieder, wir füttern ihn schon“, wird der schwarze Kater wieder zurück nach Honeytree gebracht, noch etwas Kastrationsbenebelt. 

Und was sich dann in den nächsten Tagen abspielte, zeigte mir, dass er sich allergrößte Mühe gab, nicht abgeschoben zu werden. Auch wenn er zunächst aus Angst biss und schlug, so lernte er doch sehr schnell dazu und begriff schnell, dass Schlagen und Beißen sich nicht positiv auf Besuch auswirkte. Der ging dann nämlich knurrend und fauchend und er blieb allein. 

Zunächst brachte ich ihn im Katzenkorb in den Garten, wo er allerdings immer, wenn er mich sah, nur jammerte. Das hält man ja nicht durch. Am Montag versuchte ich ihn, aus dem Katzenhaus zu bringen. Das war schwer. Er wollte halt nicht. So richtig wollte mir auch kein Name einfallen und ich suchte im Internet. Schließlich gab es eine Auswahl: „Asyl“ und „Black Jack“. Aber eigentlich brauchte ich keine Auswahl, denn die war eine Wahl. Alle die ich fragte, sagten: „Black Jack“. 

Meine Kollegen hatten den Kater bereits seit Monaten gesehen, schon im Winter als er noch klein war. Ein Kater, der ein Heim hat, läuft nicht halb verhungert auf einen Parkplatz und bettelt wildfremde Menschen an. Wieder aussetzen oder nicht? 

Am Montag hatte sich in meinem Herzen eigentlich alles entschieden: Black Jack sah aus wie Moonriver. Gleiche Zeichnung, nur weniger Haare. Allerdings war Black Jack keck und freundlich und gesprächig und wie sich herausstellte, verspielt. Federn an der Schnur……….. toll! Rosen eingraben………auch toll. Rasen……….auch toll und Katzenmädchen: am tollsten. 

Zunächst übte er sich mit Nachbarkatze „Tosca“. Die allerdings etwas ängstlicher als alle anderen, machte großes Geschrei. Also zum nächsten Nachbarn: „Pippi Langstrumpf“. Das war schon besser, gleiches Alter, Natur-Pool im japanischen Garten, Chef von Pippi brachte Köstlichkeiten und war ihm wohl gesonnen. Welch tolles Leben.

Eine Stunde später fand ich ihn bereits drei Häuser weiter, bei der alten „Mohrle“, die älteste aller Katzen hier. Er: Auf Abstand, Schwanz geplustert, Größe zeigend. Sie ließ sich gar nicht beeindrucken. Allerdings hatte sich bisher nie einer unserer Kater getraut, auch nur einen Fuß auf ihr Grundstück zu setzen. Das hatte sich wohl noch nicht bis zu Black Jack herumgesprochen. 

Am Dienstag – ich hatte noch nie eine Katze so früh allein herausgelassen – übte ich mit ihm: „durch die Klappe gehen“ und lief mit ihm und den Federn am Band den ganzen Garten ab. Mir fiel auf, dass sein trauriger Blick sich in ein fröhliches Katzenauge verwandelte. Aufmerksam beobachtete, wie unsere anderen Katzen mit dem Hund umgingen. Bereits nach einer Woche ging er auf Nachtpirsch. 

Als Max und Moritz ins Haus kamen, saß er da und schaute aus einiger Entfernung und sein Blick sprach Bände: „Was ist das? Der Ersatz für mich? Meine Mutter hat mich verstoßen, als sie so kleine Kätzchen hatte. Was wird jetzt mit mir? Muss ich jetzt auch gehen?“ Als er merkte, dass er trotzdem gestreichelt wurde und mit ihm gespielt wurde, entspannte sich die Lage. Und nach anfänglichem Knurren und Klapsen, die die kleinen von Jack von hinten auf den Po erhielten, war er sehr interessiert. Während die älteren knurrend einen Bogen machten, beobachtete er alles, was die Kleinen taten und erschreckte sie durch plötzliches hinzuspringen. 

Bei der Gartenarbeit war Jack immer dabei. Alles was ich einbuddelte, musste von ihm überprüft werden. Wenn ich hinter dem Zaun Blumen pflanzte kam plötzlich und unerwartet seine Pfote durch die Zaunlücke und schob Sand nach. Ihn interessierte alles und wenn er auch nur in einiger Entfernung lag und zuschaute. Langsam, ganz langsam, freundete er sich auch mit der zickigen Tosca von nebenan an. 

Die menschlichen Nachbarn hatte er ruck zuck um den Finger gewickelt. Alle kannten und mochten ihn. 

In der ersten August-Woche habe ich Jack ein Halsband umgelegt und noch nie einen immerhin wilden Kater erlebt, der sich so problemlos ein Halsband umlegen ließ. Es war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Alle im Honeytree tragen Halsbänder! Er bekam aufgrund eines burschikosen Charakters ein Jeans-Halsband. 

Bei jeder Futterzubereitung war Jack der erste. Er sprang nicht, wie bei Katzen üblich, auf den Tisch, um zu gucken, was in den Dosen ist. Er blieb unten stehen, sprang mit den Vorderpfoten den Tisch an und angelte mit einer Pfote nach den Köstlichkeiten. Sein Fell war prächtig glatt und glänzend und er war noch größer geworden. Ein wunderschönes hochbeiniges und freundliches Tier. Er machte einfach Spaß. Alle Menschen waren sehr glücklich mit ihm. 

Nach 6 Wochen hatten auch die „alten“ Hauskater nicht mehr so viel Angst vor ihm, dass sie sich wieder einstellten. 

Am 27.08. arbeitete ich im Garten und Jack lag im Sand und sah mir zu. Als ich mit buddeln fertig war und eine Kanne Wasser holte, guckte er sich gerade meine Arbeit an und begann eilig, seine Verbesserungsvorschläge in die Tat umzusetzen. Ich wollte die Pflanze gießen. Er wollte sie ausbuddeln. Ich goss. Er machte einen Satz und rannte dann auf die andere Seite zur nächsten Pflanze. Ich goss. Er machte einen Satz ins nächste Gebüsch und aus dem Gebüsch raste plötzlich Tosca nach rechts heraus. Jack vor Schreck in die andere Richtung. Es machte einfach Spaß mit ihm. 

Als ich am 27.08. und 20.30 Uhr abends auf dem Nachbargrundstück Moon-River fütterte, war auch Jack dabei. Er tobte durch das raschelnde Gras und man merkte ihm an, dass es ihm gut ging und er sich über das Rascheln freute. Er kratzte an den Birken und näherte sich Moon-River bis auf wenige Meter. Der zeigte keinerlei Fluchtreaktionen. Die beiden kennen sich, dachte ich. Moon-River fraß in Ruhe zu Ende und Black Jack drehte sich später auf dem Asphalt vor dem Carport meiner Nachbarn. Mit nach Hause kommen wollte er nicht. Warum auch, es war ein schöner milder Abend.

Am 28.08. um 3.12 Uhr riss mein Sohn die Schlafzimmertür auf. Er war gerade von seinem Freund Pedda nach Hause gebracht worden. Pedda war dann weitergefahren und hatte nach wenigen Minuten angerufen: „50 m Richtung Gr. Liedern liegt eine schwarze Katze mit Halsband auf der Straße.“ Ich dachte sofort an Black Velvet, die es wagte, die Umgehungsstraße zu überqueren, um am Kanal nach fetten Mäusen zu suchen. Seit langem rechnete ich mit dem Schlimmsten. Ihr Bruder war auf der Umgehungsstraße überfahren worden, als diese noch gar nicht für den Verkehr freigegeben war. Ich zog nur eine Strickjacke übers Nachthemd, suchte dann eine Wanne, eine Taschenlampe und die Gartenhandschuhe. Black Jack war nicht in seinem Nest. Wie ungewöhnlich. Er war immer da.  

Ich brauchte wirklich nicht weit zu fahren. 50 m hinter der Ausfahrt Meilereiweg Richtung Gr. Liedern, kurz vor Beginn Leitplanke lag eine tote schwarze Katze. Die Farbe des Halsbandes war nicht die von Black Velvet und einen Moment lang stockte mir der Atem. Es war ein Jeans-Halsband! Ich konnte kaum glauben, dass dort Black Jack vor mir lag. Ich setzte das Auto zurück und ging zu Fuß zu der Stelle. Er muss sofort tot gewesen sein. Ein Auto und ein Lastwagen fuhren dann noch knapp an ihm vorbei. Wie gut, dass ich mich gleich entschlossen hatte, ihn zu holen. Was die Fahrer wohl gedacht haben, über eine Frau im Nachthemd mit einer roten Plastikwanne und Gartenhandschuhen an den Händen. Black Jack haben sie sicher gar nicht wahrgenommen. Ich legte ihn in die Wanne und brachte ihn heim, wo ich ihn am Morgen begrub. 

Der kleine, dumme Kerl. Er durfte nur zwei Monate in seinem harten, einjährigen Leben den Luxus einer geliebten Katze auskosten. Es war uns nicht vergönnt, ihn länger haben zu dürfen. Er musste alles erkunden und herausfinden. Sein Gartenkatzenparadies war ihm nicht genug. Er wollte wissen, wie es im Katzenhimmel aussieht. Bestimmt geht es im dort noch besser als bei uns. 

Für wen hat er Platz gemacht? 

Die meisten meiner Katzen sind verstorben, verschwunden im ersten Jahr. Nur wenige sind älter geworden: Merlin, Black Velvet, Tiffy und Sheba. Sanso und Africa sind zu mir gekommen, als sie 2 Jahre alt waren. Die ständige Zahl von 7 Katzen hangelt sich durch die letzten 6 Jahre. Moon-River verschwunden, Black Jack da. Moon-River wieder da, Black Jack weg. 

Fest steht, dass Black Jack einer derjenigen war, die sich in kürzester Zeit unentbehrlich gemacht hat. Noch nie war unser Garten so still und „unbewohnt“ wie nach Jacks Fortgang. Gestern Morgen habe ich ihn begraben. Er fehlt an allen Ecken und Enden. Er war „immer und überall“. Jeder vermisst ihn, sogar mein Mann, der ziemlich zornig war, als ich ihm verkündete, dass Jack auch noch bei uns bleiben wird. „Wir haben genug“, sagte er damals, vor 8 Wochen. Heute Nachmittag hat er gefragt: „Hast Du überhaupt noch Katzen? Ich sehe gar keine mehr.“ „ Nimm Max und Moritz“, sagte ich und erst dann entdeckte er die beiden in den Blumen und dann kam Merlin aus der Katzenklappe vom Katzenhaus und Sanso gesellte sich hinzu. Sheba hat heute am Abend auch vor dem Haus rumgejammert. Und nach Africa habe ich gerufen, der ist aber wahrscheinlich weit in den Wiesen abgetaucht. 

Sogar Püppi von nebenan hat sich heute Abend sehen lassen. Ich hatte sie bestimmt 8 Wochen nicht mehr gesehen. Das letzte Mal, als Jack sich als neuer Nachbar bei ihr vorstellte.

Habe ich Black Jack eigentlich fotografiert? Er war ja nur ein schwarzer hochbeiniger, mit einem kleinen weißen Kehlfleck. Nichts Besonderes also, aber ein ganz besonderer Charakter mit viel Charme.  

Vielleicht ist zufällig von ihm ein Foto mit Max und Moritz entstanden. 

Er fehlt uns sehr.

 28.08.2005