Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Der widerspenstigen Zähmung
 

Schon lange hatte ich eine Katze beobachtet, die regelmäßig unseren Komposthaufen nach Futter absuchte. Scheu und schön verschwand sie bei der kleinsten Bewegung im Garten. Ich fing an, sie an einer geschützten Stelle täglich zu füttern. Ich lauerte ihr abends auf, verfolgte sie – auch im Regen – bis ich ihr Schlupfloch fand. Sie lebte im Kellerfensterloch unseres Nachbarn. 

Bei der Fütterung sprach ich warm, leise und mit weicher Stimme. Sie ließ mich bis auf drei Meter herankommen. Dann siegte die Vorsicht. Oftmals verschwand sie im hoch zugewachsenen Garten, um mich von sicherer Position weiter zu beobachten. Ich nannte sie Katy. Ein weißes Katzentier mit einer grauen Tigerzeichnung auf dem Rücken. Im späten Abendsonnenlicht zeigte sich ein rötlicher Schimmer auf dem Fell. Die Augen waren von einer scharfen schwarzen Linie umrandet. Eine Schönheit der Natur.

Im Juni 1999 kam mir Katy müde vor. Man sah ihr an, dass sie matt war. Ich entwurmte sie, führte die Rundung des Bauches aber nicht auf Würmer zurück. Es hatte eher einen anderen Grund. Dann kam Katy unregelmäßig. Im Juli erzählte mir ein Nachbar, dass Katy einige Häuser entfernt in einem Holzhaufen 4 Jungtiere aufzog.

Ich las kluge Bücher und informierte mich, was kleine Katzenkinder fressen dürfen. Dann verbrachte ich - mit freundlicher Genehmigung meines Nachbarn - jeden Abend in seinem Garten. Meine Hartnäckigkeit zeigte Erfolg. Die Katzenkinder und auch Katy, die teilweise völlig ausgehungert war, konnten dem leckeren Futter nicht widerstehen. Ich konnte nahe an sie heran, aber mir fehlte die Erfahrung. Manchmal kam Katy bis auf wenige Zentimeter an meine ausgestreckte Hand, um den Geruch aufzunehmen. Wenn ich die Kleinen zufällig berühren konnte, war es für sie wie ein elektrischer Schlag, der nur neues Misstrauen auslöste. 

Es waren zwei schwarze, ein kluges, graugetigertes und ein Katzenkind, dass ich zunächst nie zu Gesicht bekam.  Dieses schönste, scheueste Kätzchen verschmähte mein Futter und verließ das Versteck fast nie, wenn ich kam. Ich sah meist nur wenig von ihr durch die Holzscheite hindurch. Es beobachtete mich und was ich sah, war ein Abbild von Katy. Das war meine Katze! Die wollte ich. - Aber sie wollte mich nicht.

Anfang September waren die Katzenkinder ca. 12 Wochen alt. Wenn ich  das Katzenkind behalten wollte, musste ich es spätestens jetzt fangen. Ich lieh mir vom Jäger die Lebendtierfalle, die er mir bereitwillig gab, nachdem ich ihm von meinem Vorhaben erzählte.

Die Falle stellte ich bei meinem Nachbarn abends auf und „opferte“ eine Dose Thunfisch als Köder. Ich fütterte die restliche Katzenfamilie wie immer und hoffte, der Hunger würde die Kleine in die Falle treiben. 

Am nächsten Tag saß Katy darin, umgeben von ihren Kindern, die versuchten, sie aus der misslichen Lage zu befreien. Was nun? Ein zweites Mal würde sie mir nicht in die Falle gehen. Ich entschloss mich, sie kastrieren zu lassen, da ich inzwischen erfahren hatte, dass noch 2 wilde Kätzinnen mit 7 Jungen in der nahen Umgebung lebten. Während Katy kastriert wurde, fing ich in der Falle nacheinander die 4 Jungtiere. Zuletzt das scheue Kätzchen. Diese tobte und schrie im Käfig und war total in Panik geraten. Das Tierheim, mit dem ich inzwischen Kontakt aufgenommen hatte, riet mir auch die Katzenkinder kastrieren zu lassen. 

Das graugetigerte Kätzchen nannte ich Tiger. Ich brachte es nicht fertig, mich gänzlich von dem kecken, kleinen Kerl zu trennen, traute mir aber auch nicht zu, gleichzeitig 2 Kätzchen zu zähmen. Ich hatte nur einen Käfig. Darum wurde er zusammen mit seiner Mutter dort wieder ausgewildert, wo ich die beiden einfing. Die beiden schwarzen Kätzchen brachte ich auf einem Bauernhof mit Mäuseplage unter.

Das schönste, scheueste  Katzenkind der wilden Katy behielt ich. Mir fiel spontan kein passender Name ein, aber sie war so beauty. Das Tierheim machte mir wenig Hoffnung, diese Katze jemals zu „zähmen“.  Man sagte mir, sie sei bereits zu alt. Sie hätte von klein auf an die menschliche Hand gewöhnt werden müssen. Tierheime sind voll mit solchen wilden Katzen, für die wir Menschen mit derart unangenehmen Gerüchen behaftet sind, dass die geringste Bewegung in ihre Aura die Flucht auslöst. Sie kommen zum Fressen und lassen sich nicht berühren. 

Hatte ich mir zuviel zugemutet? Zunächst ließ ich die junge Katze in der Lebendtierfalle. Ich konnte sie nur mit einem dicken Ledergartenhandschuh auf einem Stock berühren, wobei sie sich in den äußersten Käfigwinkel zurückzog und mir nur den Rücken zeigte. Sie strafte mich mit Missachtung, ich hatte ihr die Freiheit und die Familie genommen. 

Ich holte mir Rat bei verschiedenen Tierärzten. Alle sagten, ich solle Geduld haben, das Tier in einem Raum frei laufen lassen und es würde sich schon an mich gewöhnen. Aber ich traute diesem Rat nicht. Ich hatte Angst, sie würde fortlaufen. Wir haben einen Hund und ich vermutete, dass allein der Geruch des Hundes an mir schon dafür sorgen würde, dass sie sich – erst einmal freigelassen – nicht in meine Nähe wagen würde. Ich ließ sie einige Tage im Käfig und gewöhnte sie ganz langsam an die Berührung meiner Hand auf ihrem Rücken. Jede meiner Bewegungen in ihrer Nähe wurde von einem Fauchen ihrerseits begleitet. Bisse und Kratzer kränkten mich zwar zutiefst, aber langsam härtete ich ab und schließlich griff ich zum letzten Mittel: Ich fauchte sie auch an. Sie erschrak. Im gleichen Moment dachte ich: Das war nicht gut. Jetzt hast du ganz verspielt.

Dann besuchte mich meine Nichte – mit viel Katzenerfahrung bei schwererziehbarer Katze. Sie ging an den Käfig und sagte: „Hallo Süße, warum siehst du mich so traurig an. Du bist doch im Paradies!“ Sie griff mit den Fingern durch den Draht und berührte die Katze, ohne das dieser das P in den Augen stand. – Es musste an mir liegen! Ich machte es falsch! Ich hatte zuviel erwartet. Meine Nichte riet mir, Geduld und Mut zu haben. Es würde schon werden. Die Katze sei nur ängstlich. 

Nach einigen Tagen ließ ich Beauty in meinem Wintergarten frei. Nach 2 Wochen konnte ich ihren traurigen Blick einfach nicht mehr ertragen und entschied, dass sie ihre Wahl selbst treffen sollte. Ich ließ sie hinaus - und sie lief davon. 

Aber am Abend, nachdem unser Hund den Garten verlassen hatte, sah ich sie in einem Lebensbaum vor unserem Wintergarten. Sie war wieder da. Hoch oben saß sie im Geäst, vermutlich schon den ganzen Tag. Mit viel Mühe, Geduld, ständigem Rufen und Spielzeugrasseln, gelang es mir, sie zum Übernachten in den ihr bekannten Raum zu locken. Vielleicht trieb auch der Hunger sie hinein. Berühren durfte ich sie nicht. Sie flüchtete und fauchte, sobald ich ihr zu  nahe war.

n den folgenden Wochen hatte ich weitere wilde Kätzchen eingefangen. Alle waren erheblich kleiner als Beauty. Alle wurden in meinem Wintergarten einquartiert. Ohne Käfig. Sie bildeten mit der Zeit (nachdem die Fauchphase abgeschlossen war) eine „Katzenbande“. 

Dann ging mir bei einer Fangaktion Tiger in die Falle. Ich nahm ihn mit in den Wintergarten.  Er und Beauty erkannten sich nicht. Tiger saß in der einen Ecke, die gesamte Katzenhorde in der anderen. 

Angst war auf beiden Seiten zu erkennen. Das war wohl auch der Grund, dass Beauty zuließ, von mir längere Zeit gestreichelt zu werden. Aus Angst vor dem „fremden“ Tiger nahm sie die Streicheleinheiten als kleineres Übel hin. Es schien beruhigend und tröstend auf sie zu wirken. Ich war stolz. Am nächsten Tag ließ ich Tiger wieder frei. Von da an ließ sie es gnädig zu – oder auch nicht – von mir häufiger gestreichelt zu werden. 

Ich versuchte, sie täglich zu berühren. Immer öfter beobachtete ich, dass sie mich heimlich nicht aus den Augen ließ. Draußen im Garten saß sie auf der Pergola und verfolgte jeden meiner Schritte. Nahm ich eine der anderen Katzen auf den Arm oder begrüßte mich eine der anderen Katzen mit dem Eskimokuss (Nase an Nase), blickte sie fasziniert. Wenn ich sie rief, kam sie spätestens nach 15 Minuten – wenn die Luft rein war. Immer häufiger kam sie beim Spiel einige Zentimeter näher und lernte bald, der großen Gefahr „Hund“ geschickt aus dem Wege zu gehen. Sie lernte von unserem gewitzten, kleinsten Kater Moritz und ich hatte das Gefühl, er konnte sie „herbeirufen“. 

Dann, Mitte Dezember, brachte meine Nachbarin mir die letzte der kleinen wilden Katzen. Sie hatte sie mit der Hand gefangen, nachdem viele Fangversuche mit der Falle erfolglos blieben und 2 Versuche per Hand fehlschlugen. Der 3. Versuch glückte, aber unsere Nachbarin wurde von dem Tier erheblich an den Händen verletzt, obwohl sie das Kätzchen bereits an menschliche Streicheleinheiten gewöhnt hatte. Wild geborene Katzen müssen erst langsam daran gewöhnt werden, angehoben zu werden, anderenfalls bekommt man ihre Krallen zu spüren.

Ich brachte die kleine Wilde in unseren Wintergarten, wo sie 5 Tage fast unbeweglich auf einem Handtuch in der Lebendtierfalle ausharrte und die anderen 6 wilden Katzen beobachtete. Ihre Geschwister darunter erkannte sie nicht. Sie ließ sich vom ersten Tag an von mir berühren, ohne großartig zu fauchen und kratzte mich nie. Als ich sie aus der Falle ließ, suchte sie sich einen der kuscheligen Schlafplätze (Einkaufskörbe) aus, die hinter großen Pflanzen am Fenster stehen und rührte sich kaum für eine weitere Woche. Ich gab ihr den Namen Mohrle, weil sie mich an ein altes Kinderlied erinnerte: „Unsre Katz heißt Mohrle.“

Seitdem Mohrle da ist, ist Beauty bedeutend zutraulicher geworden. Die Fluchtreaktion wird nicht mehr sofort ausgelöst, wenn ich ihr zu nahe bin. Sie lässt sich gern am Kopf kraulen, allerdings sitzt die Angst, die ihr offenbar angeboren ist, tief in ihr fest. Sie ist zwar immer noch schreckhaft, aber hat bedeutende Fortschritte gemacht. Ich habe das Gefühl, sie möchte Streicheleinheiten vorbehaltlos genießen können, traut dem Frieden allerdings noch nicht. 

Vielleicht hat auch dazu beigetragen, dass ich sie inzwischen separat von den anderen füttere. Ich habe bemerkt, dass sie nicht zusammen mit den anderen frisst. - Das hatte sie ja schon als Jungkätzchen im Holz nicht getan.  Vermutlich auch aus Angst. Wenn ich ihr das Futter abseits gebe, halte ich die anderen Katzen vom Napf fern, damit sie beim Fressen nicht gestört wird. Dafür scheint sie dankbar zu sein. Sie spricht mit ihren Augen zu mir: „Öffne mir die Tür“ – „komm mir heute nicht zu nah“ – „hier auf diesem Platz gefällt es mir“ – „was machst du da?“ Ihr Aussehen macht ihrem Namen alle Ehre und ihr offener Blick aus ihren bernsteinfarbenen Augen in dem wunderschön gezeichneten Gesicht entschädigt mich dafür, dass sie möglicherweise nie schnurrend auf meinem Arm sitzen wird. Wenn ich sie streicheln oder bürsten darf, ist das ein Geschenk von ihr an mich.

Und noch ein Geschenk hat sie mir kürzlich gemacht: Sie berührte meine Nase mit ihrer Nase.

Wenn das kein Fortschritt ist!

Wie oft glaubte ich, dass ich diese Katze vielleicht nie würde streicheln können. Inzwischen denke ich, dass alles möglich und offen ist.

Die wilde Katy hatte einen Kampf mit einer der beiden anderen Kätzinnen. Ich habe sie danach nur noch dreimal aus der Ferne gesehen. Ich weiß, dass sie nachts an meinen Futtertopf kommt. Von dem Leiter des Betriebshofes, der unserem Haus gegenüberliegt, habe ich erfahren, dass sich Katy dort aufhält. Man wird sie dort nicht vertreiben. 

Tiger besuchte ich häufig in seinem Revier. Er sah mich gern, denn wenn ich ihn besuchte, vergaß ich nie, Leckereien mitzunehmen. Als das Haus in seinem Revier neu vermietet wurde, begann ich, ihn zum Futterplatz in unserem Garten zu locken. Es hat nicht lange gedauert, bis unsere Katzenbande ihn akzeptiert hat. Er kommt, wenn ich ihn rufe und liebt es, gestreichelt zu werden –  und das ohne aufwendige „Zähmung“! Neuerdings traut er sich auch bis in den Wintergarten und dann „mischt er die ganze Katzenbande auf!“

Es ist erkennbar, dass Katzen sehr unterschiedlich und faszinierend sind. Nicht alle sind so schwierig an den Menschen zu gewöhnen, wie Beauty. Auch wild geborene Hauskatzen, die bis zu ihrem 4. Lebensmonat keine menschliche Hand  kannten, können Menschen lieben lernen. Es war für mich eine Herausforderung. 

Diese Lebensgeschichte soll Mut machen, auch ein solches Kätzchen aufzunehmen. Katzen sind sehr sensibel. Ich habe Interessenten gehabt, denen hätte ich gern ein Kätzchen gegeben, weil sie mir sympathisch waren. Aber die Katzen wollten nicht zu ihnen. Sie haben sich in einer Ecke verkrochen, so dass man denken musste, sie sind  überhaupt nicht zutraulich. Nur ich wusste es besser. Ich habe aber auch scheue Tiere gehabt, die auf fremde Menschen offen zugingen. Dann war es der richtige Mensch für diese Katze.

Früher haben Katzen mir nie viel bedeutet, denn noch vor einem Jahr glaubte ich an meine Katzenallergie, die ein Arzt vor Jahren bei mir feststellte. Inzwischen leben 8 Katzen, die mich nicht mehr verlassen wollten, in meinem Katzenparadies. Unsere von unserem Hund nie geliebte Hundehütte wurde auf Böcke gestellt und ist jetzt das Katzenhaus. Unser Hund und ich werden auf unserer abendlichen Runde immer öfter von unseren Katzen begleitet.

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