Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

S p u r l o s ......

 

Es geschah ohne Vorwarnung. Lautlos.
So plötzlich, wie er zu mir kam, verschwand er aus meinem Leben.
Gerade ihn wollte ich behalten, um jeden Preis. Wer oder was hat ihn mir genommen?

Sein Aussehen zauberte mir ein Lächeln auf mein Gesicht.

Und nun ist er nicht mehr da.

Er war derjenige, der mir die größten Probleme bereitete. Ich hatte ihn im September 1999 als ersten eines Wurfes gefangen. Er war mit seinen ca. 5 Wochen bereits voll ausgerüstet für das Leben als wilde Katze. Er fauchte, spukte nach mir, stellte sich auf die Hinterbeine, um größer zu wirken. Er zeigte seine kleinen Milchzähne und ich packte ihn mutig im Nackenfell und trug ihn in einer kleinen Mandarinenkiste heim, deren Rand er noch nicht fähig war, zu überspringen. Dabei schrie er so laut, wie eine große Katze, gleichzeitig zitterte er bedauernswert. Aber es kam ihm niemand zu Hilfe.

Seine Mutter hatte ich vorher gefangen, um sie kastrieren zu lassen.

Auf dem Heimweg stand unser Nachbar am Zaun. „Hast Du wieder eine von den Wilden gefangen?" fragte er. Ich hielt ihm die Mandarinenkiste entgegen und noch ehe er mir sagen konnte, wie niedlich der kleine Kerl war, machte dieser einen Satz in der Kiste auf unseren Nachbarn zu, stellte alle Haare zu Berge und spukte ihn fauchend an. Unser schon etwas älterer Nachbar wich zurück. „Was war das?" fragte er ungläubig. Lächelnd sagte ich: „So klein und schon megascharf." Ich werde seinen überraschten Gesichtsausdruck nie vergessen.

Ich nannte das Kerlchen „Moritz". Er wurde in unserem Wintergarten zunächst in einem höheren und größeren Pappkarton „verstaut". Seine beiden Geschwister brachte ich ihm umgehend nach.

Und dann fing für mich und die kleinen Kätzchen eine Leidenszeit an. Sie konnten sich nicht putzen, sie bekamen Durchfall. Ich badete sie täglich, rieb sie trocken, massierte die Bäuchlein. Ganz langsam legten sie die wilden Gebärden ab und wurden vertrauter.

Seine beiden Geschwister kamen in liebe Familien. Er war die 4. Katze, die bei uns bleiben sollte. Wir hatten schon „Bifi" (10,5 Monate alt), die wir todkrank von einem Bauernhof gestohlen hatten, Bifis Sohn „Merlin" (ca. 2,5 Monate alt) und „Beauty" (ca. 3,5 Monate alt) eine scheue wilde, unberührbare, die ich kurze Zeit zuvor eingefangen hatte.

Im November hatte er sich ein Auge verletzt. Es sah wirklich schlimm aus, aber es heilte nach einer Weile und mit ärztlicher Hilfe.

Moritz blieb immer ein kleiner, schmächtiger Kater. Er entzückte uns besonders, wenn er mehrere Sekunden lang auf den Hinterbeinen saß und Männchen machte. Wie alle wilden Katzen, mochte er nicht auf den Arm genommen werden. Dafür liebte er seine Schmusedecke aus Kunststoffwebpelz im Flokati-Stil. Er tretelte und nuckelte an den Zipfeln.

Ich hatte schon einmal einen ganzen Sonntag damit verbracht, ihn zu suchen. Ich fand ihn in unserem alten Holzschuppen. Er hatte es sich auf dem Holz gemütlich gemacht, ganz oben.

Er konnte nicht mehr herunter. Merlin half. Er machte es ihm vor. Merlin übernahm die Mutterstelle.

Als er Ende Februar am Abend nicht in den Wintergarten zurückkam, ließen wir ihn kastrieren. Auch danach blieb er schmächtig und sah beinahe etwas elend aus. Er fraß jedoch gut und war fit. Nach der Kastration blieb er hin und wieder einmal eine Nacht draußen, erschien jedoch morgens regelmäßig am Napf und blieb tagsüber auf seiner Schmusedecke.

Er machte die kühnsten Sprünge um Fliegen zu fangen, blieb aber immer vorsichtig und ängstlich, wenn er in der freien Natur war. Diese Angst legte er nur auf seiner Schmusedecke ab. Dann ließ er sich genüsslich kraulen und begrüßte mich mit einem Eskimokuss.

Am Abend des 30. Juni kam unsere ebenfalls wild und nach Moritz gefangene „Black Velvet" nicht heim, am 1. Juli verschwand Moritz im Laufe des Nachmittags. 5 Tage suchte ich die beiden. Am 5. Juli fand ich Black Velvet auf der unserem Hause nahegelegenen Wiese mit großem Mäusebestand. Sie kam ohne murren aber mit großen lauten Mau mit heim.

Moritz wurde weiterhin gesucht. Begleitet wurde ich von unserem Hund, Merlin und Bifi und hin und wieder Black Velvet. Wenn ich seinen Namen rief, folgte ein Mau von einer der Katzen. Sie verstanden mich und riefen auch nach ihm.

Ich wusste keinen feindlichen Nachbarn, der ihm etwas hätte tun können. Wo war er nur?

Es gab in der Nähe unseres Hauses unzähligen Versteckmöglichkeiten auf unbewohnten, verwilderten Grundstücken und solchen, die nur als Abstellmöglichkeit für Baureste dienten. Die Bundesstraße war mit einer Schallschutzmauer abgegrenzt. Ich hatte ihm beigebracht, den völlig sicheren, urwaldmäßig zugewachsenen Hohlweg unterhalb und hinter der Schallschutzmauer zu nehmen. Er konnte nicht auf die Straße gelaufen sein.

Er war zu ängstlich, er würde nicht in ein fremdes Gebäude laufen. Die Nachbarn überprüften die Garagen und Waschküchen (Stallgebäude). Ich wusste, dass sein Gebiet nicht sehr groß war. Ich kannte die Stellen, an denen er umkehrte, wenn er mich und den Hund auf den Spaziergängen begleitete. Ich wusste, wie ängstlich und vorsichtig er war. Er lief nie kurz vor einem Auto über unsere ruhige Seitenstraße.

Alles Suchen half nichts. Er blieb verschwunden.

Meine Kollegin erzählte mir, dass 4 Tage nach seinem Verschwinden eine schwarz-weiße Katze nur wenige 100 m entfernt auf der Bundesstraße überfahren wurde (die 3. in 2 Wochen). Aber der Beschreibung nach war die Katze zu groß. Vielleicht war es der Killer, der immer gemächlich ohne Hast die Straßen überquerte. Ihn hatte ich lange nicht mehr gesehen.

Ich suchte nochmals die Straßenränder ab. Vergebens.

Eine Bekannte hat mir dann von ihrer Katze erzählt, die sie in ihrem Schrebergarten mühevoll hochpäppelte. Die wilde Katze ließ sich nicht berühren. Nur ganz langsam gewann sie das Vertrauen des Tieres. Innerhalb der nächsten 2 Jahre verging kein Tag, an dem das Tier nicht von ihr versorgt wurde und das Tier freute sich unbändig, sie zu sehen. Aber auch meine Bekannte hing mit ganzem Herzen an dem inzwischen großen schwarzen Kater. Am 1. Weihnachtstag war die Katze nicht im Garten. Sie kam nie mehr.

3 Monate später war Versammlung im Gartenverein. Sie wollte eigentlich nicht hingehen, wurde jedoch von einer Gartennachbarin überredet. Dann kam das Thema „Katzen" und sie musste erfahren, dass ein Gartennachbar „ihre Katze" in einer Schlinge gefangen und so getötet hatte. Alle wussten es und spendeten ihm auch noch Beifall! Der Boden schwand unter ihren Füßen, ihr wurde übel vor Wut. Aber alle waren gegen sie. Katzen fangen Vögel, die die Schädlinge bekämpfen sollen und Katzen fangen Fische aus Gartenteichen und Katzen benutzen die gut gepflegten Beete als Klo. Katzen sind überflüssig. Katzen müssen beseitigt werden. Von dem Kranichschwarm, der im Schrebergarten gelandet war und die Fische aus den behüteten Teichen holte, erzählte man ihr erst viel später. Den Schmerz hat sie nie ganz überwunden.

Mir wurde ebenfalls ganz schlecht bei dem Gedanken an die Schlinge. Nein. Niemand würde ein Interesse haben, Moritz so zu fangen. Es gab zwar Hunde auf den Nachbargrundstücken, aber auch wir hatten einen. Moritz wusste, wie man einen Hund austrickst und kannte die viel zu trägen Hunde auf den Nachbargrundstücken.

Was war mit Gift? Sollte er tatsächlich eine vergiftete Maus gefressen haben? Nein, er hätte nur mit ihr gespielt. Er war satt, als er ging.

Sollte sich jemand Moritz „herangezogen" haben, um ihn zu behalten? ... oder um ihm das Fell abzuziehen? Ich wollte keinen Gedanken daran verschwenden! Wenn Moritz sich ein neues Heim gesucht hat. O.K., dann war es seine Entscheidung. Aber ich hatte ihm wenige Tage zuvor ein Halsband umgelegt, wenn er es noch trug – was bei ihm nicht ganz klar war – musste jeder sehen, dass er ein Zuhause hatte. ... Und was war mit der Schmuse-Decke?

Wenn er sich verletzt hätte, er wüsste wo ihm geholfen werden würde – wenn er noch laufen könnte.

Ich meldete dem Tierheim den Verlust. ......Keine Moritz-Fundsache.

Am 9. Tag nach seinem Verschwinden suchte ich nochmals alles intensiv ab. Weder ein lila Halsband noch eine andere Spur war zu finden. Auch kein toter Moritz.

Dann gab ich die Suche auf. Doch in Gedanken konnte ich ihn – trotz der verbleibenden anderen Katzen, nicht loslassen. Wenn ich von weitem eine Katze sah und die Farbe nicht erkennbar war, rief ich automatisch nach ihm. Ich ertappte mich dabei, jeden Morgen die freien Felder mit einem Blick abzusuchen, wenn ich zur Arbeit fuhr. Vielleicht würde ich ihn eines Tages groß und stattlich und ausgewachsen wiedersehen?

Moritz hatte sich seine Freiheit zurückgeholt. Er war frei geboren. Er wusste, wo er das Futter für die wilden Katzen in meinem Garten finden konnte.

Sein Schicksal hatte sich erfüllt und ich durfte mir keine Gedanken darüber machen.

10 Tage nach seinem Verschwinden wurde unser  jüngster Kater krank. „Red Chilly Pepper" war aus Bifis Linie. Ihr Enkelkind. Ein Geschenk meiner Nichte an mich. Seine Mutter wurde wenige Tage, nachdem er zu uns kam, von einem Auto mitgeschleift und schwer verletzt.

Er machte einen müden Eindruck und schwankte, hatte massive Gleichgewichtsprobleme und fraß nicht mehr. Er wog 800 g und war gerade 8 Wochen alt. Ich brachte ihn zu der Tierärztin, die meine „zahmen" Katzen behandelt. Das Kätzchen hatte 40,5 Fieber! Ich konnte spüren, dass kaum noch Hoffnung bestand. Er hatte Hirnhautentzündung.

An den kommenden Tagen nahm ich ihn mit ins Büro. Er war noch so klein und musste mehrmals am Tag Medikamente bekommen und eine Zwangsernährung. Meine Kollegen, selbst die Katzenhasser, schlossen ihn sofort ins Herz. Sie halfen beim Verabreichen der Medizin. Er schlief fast nur und torkelte, wenn man ihn auf die Beine stellte.

Bei den vielen Gesprächen, die wir über Katzen führten, wurde mir plötzlich klar, dass die schwere Erkrankung unserer Bifi 4 Wochen zuvor keine Bauchfellentzündung war sondern ebenfalls eine Hirnhautentzündung. Ich war mit ihr ausnahmsweise zu einem anderen Tierarzt gegangen. Sie hatte dort  vier Tage am Tropf gelegen mit den gleichen Symptomen wie Chilly. Sie war auf 2,5 kg abgemagert und brauchte 2 Wochen, bis sie wieder normal fraß.

Hirnhautentzündung ist ansteckend. Was war mit Moritz?

Zuletzt hatte ich ihn auf seiner Schmusedecke gesehen. War er aufgestanden, hinausgegangen und wurde müde? Hatte er sich, schwindelig und schwankend ein Schlafplätzchen gesucht?

Hatte er sich zusammengerollt und war einfach hinübergedämmert in den Katzenhimmel?

Hatte er vielleicht unser Rufen gehört, aber war nicht mehr in der Lage aufzustehen?

Sollten seine Eskimoküsse (Nase an Nase) die er mir bereitwillig und großzügig wenige Tage vor seinem Verschwinden schenkte, ein Abschiedsgeschenk sein?

So schwer es mir fiel, dass ich ihm nicht helfen konnte – es war die Antwort, die ich annehmen wollte. Ich hatte gesehen wie Bifi und Chilly fast „eingeschlafen" wären, wenn ich sie nicht zum Tierarzt gebracht hätte. Moritz wollte nicht gerettet werden. Seine Uhr war abgelaufen, seine Zeit in meiner Welt war vorbei.

Und ich konnte meinen Frieden finden.

13. Juli 2000  

 zurück