Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Eine wilde Katzenliebe 
 

Im Januar 1999 beobachtete ich, wie mein viel zu scharf gewürztes Essen auf dem Kompost- Haufen von einem schwarz-weißen, wilden Kater verspeist wurde. Verwegen sah er aus, muss ein bewegtes Leben gehabt haben, sein Fell gelblich verfilzt und zerzaust. Er tat mir leid. In der nächsten Zeit sah ich ihn öfter, aber immer auf Distanz. Würdevoll schritt er sein Revier ab.

Eines Morgens gegen 4.30 Uhr weckte uns unser Sohn ganz aufgeregt: in seinem Bettkasten

(dort hat er seine selbstgebauten Drachen verstaut) würde es rascheln und außerdem wäre da so ein unangenehmer Geruch im Zimmer.

Wir sahen nach und entdeckten auf einem alten roten Drachen ein braunes Häufchen, übelriechend. Katzenkot! Außerdem befand sich im Bettkasten ein Häufchen weiß-getigerte Katze. Im ersten Schreck verscheuchten wir das Tier in die Winternacht.

Wenige Tage später hatte ich die Wintergartentür zum Lüften geöffnet. Aus einem Nebenraum sah ich, wie der wilde Kater in unserem Wintergarten das Futter unserer Hündin fraß. Der Hunger musste größer sein, als die Angst.

Ich fing an, mich für die wilde Katzenwelt rund um unser Haus zu interessieren. Ich stellte Futter auf. Der Napf war regelmäßig leer, egal wie groß die Portion auch war, auch zwei Näpfe wurden geleert. – Wie viele Katzen kamen nachts?

Ich erkundigte mich in der Nachbarschaft und sah mir alle Katzen an, die geliebt wurden und ein Zuhause hatten. Die meisten trugen Halsbänder. Von den Nachbarn erfuhr ich von einer Familie, die 9 wilde Katzen fütterte und nur wenige Häuser entfernt wohnte. Keine dieser Katzen war kastriert und keine durfte ins Haus.

Was sollte man tun? Das Frühjahr stand vor der Tür und die Rolligkeit der Kätzinnen. Ich hatte inzwischen mehrere Bücher über Katzen gelesen und erkannte, dass der nächste Winter eine Katastrophe werden würde. Verwilderte Katzen, die nicht in ihren Verstecken verhungern oder von Autos überfahren werden, haben keine Chance ein Heim zu finden. Bei dieser Anzahl von Katzen bestand die Gefahr, dass die Mäusevorräte im Umkreis nicht ausreichten.

Ich holte mir vom Jäger eine Lebendtierfalle, die er mir bereitwillig gab, als er von „meinem Katzenproblem" erfuhr. In 7 Nächten fing ich 5 Katzen. Alle waren wild und mega-scharf. Keine ähnelte den Nachbarkatzen. Diese Tiere brachte ich auf einen Bauernhof mit Mäuseplage, Scheunen, Stallungen. Dort fanden die wilden Tiere ein neues Zuhause.

Blieben noch vier - dachte ich.

Ich stellte die Falle wieder auf mit dem leckersten aus Katzenträumen: Thunfisch. Spät abends wartete ich und beobachtete vom Wintergarten aus, wie die Außenbeleuchtung des Hauses sich einschaltete. Dann sah ich ihn, den wilden schwarz-weißen Kater.

Langsam, fast gelangweilt, ging er zur Falle, die auf einer Gartenbank stand. Er sah sich den Topf darin an, steckte von unten die Pfote durch den Draht und kippte den Topf mit dem Futter um. Dann fraß er, was herausgefallen war und von ihm erreicht werden konnte. Dabei drehte er sich um. Der Schreck fuhr mir buchstäblich durch die Knochen. Der Kater hatte große Verletzungen am Bein und am Kopf. Das Fell war herausgerissen und tiefe, frische Wunden erkennbar. Fehlte ihm ein Auge? Ich spürte meine Gänsehaut und eh ich mich von meinem Schreck erholte, verschwand er lautlos. Klug, mutig, lautlos, raffiniert und gefährlich: Ich nannte ihn „Killer".

Ich fütterte die verbleibenden wilden Katzen auf unserem Kompost-Haufen, wo sie unerreichbar für unsere Hündin blieben. Als es im Mai wärmer wurde, wartete ich abends in sicherer Entfernung, um zu sehen, wer mein Gast war.

Und eines Tages sah ich sie, eine wunderschöne weiß-grau-getigerte Katze. War es das Tier aus dem Bettkasten meines Sohnes? Man konnte die Uhr nach ihr stellen. Sie kam regelmäßig. Ich nannte sie „Katy". Ich verfolgte ihren Weg geduldig, bis ich ihr Versteck entdeckte. Sie schlief beim Nachbarn im Kellerfensterloch! Jeden Abend „lauerte" ich ihr auf und sprach sie an und Tag für Tag konnte ich näher an sie herankommen. Bis auf maximal 3 m.

Dann kam sie nicht mehr pünktlich. Allerdings war der bereitgestellte Futtertopf leer. Zwei Wochen später holte mich mein Nachbar. Es traf zu, was ich vermutete, „Katy" hatte Junge. Die Tiere lebten in seinem Holzhaufen. Zwei schwarze, ein getigertes und ein Abbild von „Katy". Ich fing an, die Jungen zu füttern, in der Hoffnung, dass sie zahm werden würden. Abend für Abend verbrachte ich eine Stunde bei den wilden Katzen. Sie waren misstrauisch und schreckhaft, aber dem leckeren Futter konnten sie nicht widerstehen. Bis auf die kleine weiß-grau-getigerte. Dieses Kätzchen sah ich fast nie. Es war schon ein besonderer Glücksfall, wenn sie sich aus ihrem Versteck traute. Sie wartete geduldig, bis ich fort war. Die schwarzen Kätzchen kamen immer näher. Doch auf Berührung reagierten sie wie auf einen elektrischen Schlag.

Dann fiel mir auf, dass „Killer" nicht nur nachts kam. Er hielt sich häufig in der Nähe von„Katy" und ihrem Wurf auf. Ich befürchtete, dass die kleinen Kätzchen gefährdet wären, als ich an einem wunderschönen Tag beobachtete, wie er gemächlich und würdig auf ein schwarzes Jungtier zuschritt. Das Kätzchen lief ihm entgegen und .... sie begrüßten sich mit einem Nasenkuss! Der Vater aller kleinen Kätzchen war der Killer!

Dann bekam ich Kontakt mit den Nachbarn, die die wilden Katzen fütterten. Sie erzählten mir, dass auch die verbliebenen anderen beiden wilden Katzen weiblich und trächtig waren!

Panik ergriff mich. Ich setzte mich mit dem Tierheim in Verbindung und schilderte die ganze Situation (auch die des letzten Winters). Auf Anraten des Tierheimes fing ich zunächst „Katy", dann die nun bereits ca. 3 Monate alten Jungtiere. Alle wurden kastriert. Die Katzenmutter war bereits wieder tragend mit 5 Jungtieren!

Der getigerte kleine Kater, den ich „Tiger" nannte und „Katy" blieben dort, wo ich sie fing, die beiden schwarzen Kätzchen konnte ich wieder auf einem Bauernhof unterbringen.

Das schönste, scheueste Katzenkind der wilden „Katy" behielt ich. Es erhielt den Namen „Beauty". Man machte mir wenig Hoffnung, diese Katze jemals zu „zähmen". Tierheime sind voll mit solchen wilden Katzen, für die wir Menschen mit derart unangenehmen Gerüchen behaftet sind, dass die geringste Bewegung in ihre Aura die Flucht auslöst. Sie kommen zum Fressen und lassen sich nicht berühren.

Mitte September fing ich das nächste Muttertier mit einer großen Kopfwunde. Ich ließ die Verletzung behandeln und die Katze kastrieren. Sie hatte 4 Junge. Die jungen Kätzchen waren in einem Spalt zwischen zwei Hauswänden (ca. 12! cm breit) versteckt, davor ein enger Maschendrahtzaun. Dort konnten sie sich kaum bewegen. Sie waren vielleicht 5 Wochen alt und mussten schon ein gutes Gewicht haben. Ob die Katzenmutter die Jungen überhaupt noch herausbekam? Sie musste - die Jungen im Maul tragend - 1,50 m hoch springen. Außerdem waren die Jungen bereits „scharf". Mit allem, was sie aufbieten konnten, versuchten sie mich zu verscheuchen: fauchen, schreien, spucken, Imponiergehabe.

Ich war mächtig beeindruckt und im ersten Moment froh, dass ich nicht an sie herankommen konnte. Ich glaubte, das frisch kastrierte Muttertier würde es nicht schaffen, die Jungtiere aus dieser schmalen Nische herauszuholen. Natürlich irrte ich mich. Sie verschleppte die Jungen sofort und dabei kamen ihr auch noch meine Nachbarn zur Hilfe! Sie holten das letzte (und schwerste) Junge mit einem Apfelkäscher aus der Nische! Ich sah den Erfolg meiner Arbeit dahinschwinden und
hatte schlaflose Nächte. Aber vielleicht hatte ich Glück und die Kätzin würde die Jungen dorthin zurückbringen, wo sie gefüttert wurden.
Eine Woche später, beim 3. Muttertier, war ich schlauer. Als ich die Kätzin zur Kastration gebracht hatte, fing ich die Jungtiere, die ebenfalls alles an Imponiergehabe aufboten, was sie auf Lager hatten. Das Tierheim riet mir, der Kätzin alle Jungtiere fortzunehmen, damit diese Kleinen nicht auch noch verschleppt würden. Maximal 5 Wochen alt, hatten sie schon alles gelernt, was ein Kätzchen braucht, um sich vor Feinden zu verteidigen. Doch diesmal nahm ich allen Mut zusammen, griff ins Nackenfell und löste die Tragstarre aus. Das erste und kampfeslustigste Kätzchen, das ich so fing, nannte ich „Moritz", weil sein Gesicht ein Lächeln auf Menschengesichter zaubert.

Was dann folgte, kann nur jemand nachvollziehen, der schon einmal mutterlose, sehr junge wilde Kätzchen aufgezogen hat. Beim Entflohen wurden nicht nur die Gummihandschuhe

sondern auch die Hände zerfetzt. Zum Ziehen einer Zecke waren zwei Personen nötig. Die winzigen Kätzchen wehrten sich mit allen Mitteln und schrieen nach Leibeskräften in einer Lautstärke, die vermuten ließ, dass es sich um eine erwachsene Katze handelte. Die 3 kleinen bekamen Durchfall und kannten kein Katzenklo! Sie konnten sich noch nicht selbst sauberhalten.

Also: Kätzchen täglich baden, trocknen und Po mit Babycreme eincremen, Häufchen wegwischen und Stellen mit Essigwasser und Desinfektionsmittel besprühen, Fliesen-Fugen mit der Zahnbürste säubern. Kätzchen klarmachen, was ein Katzenklo ist und das Menschenhände nicht zum Reinbeißen da sind. Entwurmen, und nach jedem Füttern: Bäuchlein sanft massieren.

Außerdem schrieen die drei kleinen nach der Mutter oder weil sie Bauchschmerzen hatten oder weil die Katzenmilch nicht schmeckte oder weil ich ganz einfach ihre Katzensprache nicht verstand. Ich war drauf und dran, dass Muttertier nachträglich auch einzufangen und mir dadurch die Arbeit zu erleichtern, aber: Würden dann die Jungen zahm werden?

Eine alte Gartentisch-Plastikdecke diente dazu, den Fußboden vor den Ausscheidungen zu schützen. Aus Pappkartons wurde eine „Burg" gebaut, die verhindern sollte, dass die kleinen Kätzchen den Raum nicht völlig verunreinigten. Aber all das nützte nicht viel. Die kleinen hatten nach 3 Tagen heraus, wie Hindernisse zu überspringen waren.

Zur Hilfe kam mir unser eigener, kleiner (10 Wochen alter), sonst rüpelhafter Kater Merlin. Nachdem er zunächst die kleinen Kätzchen in Muttermanier biss, trat, quälte und sie als Beute ansah, muss ihm wohl eingefallen sein, dass er seinem Namen Ehre machen muss. Schließlich war sein Namensgeber Zauberer. Nun denn: plötzlich wärmte er sie nachts, schleckte alle verkrusteten Stellen blitzblank und ließ an sich saugen. Er ersetzte weitgehend das Muttertier – und bekam auch Durchfall.

Die kleinen wurden schnell zutraulich und dank des Rates meiner Super-Tierärztin wurde der Durchfall bei allen erfolgreich behandelt.

Es dauerte zwei Wochen, bis auch die anderen kleinen wilden Kätzchen gefunden und zwei davon gefangen werden konnten. Sicher werden diese beiden nicht so schnell zutraulich. Sie haben schon zuviel wildes Leben gekostet. Ein weiteres Kätzchen wurde mit Hilfe des Tierheimes bereits vermittelt und hat den neuen Besitzer sofort kräftig in die Hand gebissen.

Mein Wintergarten war nun das Heim von 8 Katzen und kaum wiederzuerkennen. Die Gardinen wurden zusammengebunden und die unteren Enden in leere Wassereimer gesteckt (was Klettern verhindern sollte). Alle Blumentöpfe erhielten eine Steinschicht (weil Töpfe nicht zum scharren da sind). Jede Ecke, in die sich ein Kätzchen verkriechen konnte, wurde mit einem Katzenklo verschönt, alte Einkaufskörbe wurden Schlafplätze und aus Pappkartons mit Löchern entstanden Höhlen und Spielkisten. Unmengen von Katzenfutter und Katzenstreu mussten herangeschleppt werden, was mir doch hin und wieder einen fragenden Blick der Kassiererinnen im Supermarkt einbrachte.

Die Kätzchen waren erst kurze Zeit bei mir, als das männliche Tier eine schlimme Augenentzündung/-verletzung bekam. Blut trat aus den Augen aus. Ich brachte ihn zum Tierarzt. Dort musste er bleiben, weil er sich von mir nicht zur Behandlung berühren ließ. Er biss die Tierarzthelferin in die Brust und zerkratzte ihr die Hände. Nach 5 Tagen bat der Tierarzt mich, dass Tier abzuholen und es selbst weiterzubehandeln. Aber die Erblindungsgefahr bei Nichtbehandlung lag nahe.

Die Wiedersehensfreude bei den daheimgebliebenen Kätzchen war groß. Die Katzen rieben zur Begrüßung die Köpfe aneinander. Der Kater ließ sich jedoch nicht von mir behandeln. Ich gab ihm den Namen „Satan". Ganz langsam gewöhnte ich ihn und seine Schwester „Black Velvet" an meine Hand und an ihre Namen.

Satans Augenverletzung ist jetzt ausgeheilt. Es ist eine leichte Trübung der Hornhaut verblieben. Aber ich glaube nicht, dass ihn das behindert. Inzwischen haben wir ihn umbenannt. Er heißt jetzt „Felix", aber er wird noch einwenig Zeit benötigen, um Vertrauen zu haben.

Das vierte Kätzchen des Wurfes wollten die Nachbarn behalten, die die wilden Katzen gefüttert haben. Sie leben noch nicht lange in Deutschland und haben sich keine Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen es hat, wenn wilde Katzen unkastriert bleiben.

Im letzten Winter waren es 9 ausgewachsene Katzen. Durch meine Fangaktion blieben im Sommer drei Muttertiere, die ohne Kastration 16 Jungtiere aufgezogen hätten. Und was wäre im nächsten Jahr, wenn ich nichts unternommen hätte?

Im Dezember 1999 sind meine Nachbarn fortgezogen. Sie waren so nett, die letzte nicht kastrierte Jungkatze, die sie eigentlich behalten wollten, zu fangen und zu mir zu bringen. Sie wollten sie nun doch nicht mitnehmen. Obwohl das wilde Kätzchen bereits an Streicheleinheiten durch menschliche Hände gewöhnt war, verletzte es beim Fangversuch meine Nachbarin erheblich an den Händen. Mir hat „Mohrle" noch nicht einen einzigen Kratzer zugefügt. Wenn ich in den Garten gehe, ist sie immer in meiner Nähe. Eigentlich wollte ich diese Katze nicht auch noch behalten. Aber was soll ich tun? Sie liebt mich!

„Killer" traf ich auf meinen Spaziergängen mit unserer Hündin schon an den verschiedensten Plätzen. Sein Revier ist mindestens 4 qkm groß. Einmal ließ er mich ganz nah an sich heran. Er hat noch beide Augen, er ist ein Faltohrkater. Sicher eine Mutation, denn so etwas Wertvolles würde niemand aussetzen.

Im vergangenen Herbst ist er mir in die Falle gegangen. Ich habe ihn freigelassen ohne ihn zum Tierarzt zu bringen. Die Spuren des Lebens sind auf seinen Körper geschrieben. Er hat sich sein uneingeschränktes Leben verdient.

Ich habe im Kreis meiner Bekannten nicht viel Verständnis dafür gefunden, dass ich so viel Zeit, Energie und eine Menge Geld für Tiere „geopfert" habe, die keiner haben will. Entschädigt wurde ich durch die Tiere selbst und durch die Menschen, die „gezähmte" Katzen von mir erhalten haben und mir dann berichteten, dass diese Tiere ihr Leben positiv veränderten und es nichts Schöneres und Wichtigeres gibt, als von diesen Katzen geliebt zu werden.

Es war nicht für die Katz.

April 2000 

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