Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Chim Chiminey, Chim Chiminey, Chim Chim Cheru,  die Katz auf dem Schornstein, die bist nur du

 

 Im Oktober 2004 war ich wegen Sanso öfter im Tierheim. Dort befanden sich extrem viele kleine Augustkatzen. Ein Wurf mit besonders süßen, kleinen Wilden war im Freigehege. Die kleinen konnten mit ihren 5 Wochen bereits am Gitter bis unter die Decke klettern, um eine Lücke zu finden, die ihnen die Freiheit gegeben hätte. Aber alles war dicht. 

Ich dachte: Die sind so klein und süß, die sind bestimmt bald weg. 

Im März war ich wieder im Tierheim, um dort Bescheid zu sagen, dass es Sanso gut geht.

Im Freigehege lag ein schöner schwarzer Langhaar-Kater, der mich beobachtete. Ich dachte, „der ist so schön, der ist stimmt bald weg.“

Dennoch ging er mir nicht aus dem Kopf.

Am 06.06.04 war mein Sanso abhanden gekommen. Ich ging ins Tierheim und meldete ihn als verschwunden. Ich stellte fest, der schöne Kater war noch immer da. Wieso eigentlich. 

Am nächsten Tag fuhr ich wieder hin, weil Sanso aufgefunden wurde. Ich betrat das Frei- Gehege und stellte fest, der Kater war scheu. Er gehörte zu dem Wurf aus Oktober und man hatte die kleinen nie handzahm bekommen. Mein Entschluss war spontan. Es gab einige freie Boxen im Tierheim, die Mai-Kätzchen waren noch nicht da. Ich sagte, ich würde mir zutrauen, die Katzen zu zähmen und bat darum, dass der schwarze Waldkater separiert wird, indem er vielleicht morgens beim Putzen in eine der freien Boxen gelockt wird. Man sagte mir, dass wäre schier aussichtslos. 

Am folgenden Tag kam ich wieder. Der Kater saß allein in einer Box. Es geht doch! Und was noch besser war: Eigentlich hatte er nur Angst. Das konnte ich an der Stellung seiner Ohren und an seinen Augen sehen. Er versuchte weder nach mir zu beißen, noch nach mir zu schlagen. Er startete auch keinen Angriff. Flucht war sein Plan. Also Katzenklappe verschließen, Katzenbaumhöhle zur Wand drehen und nun auf 1 x 1 m Freundschaft schließen und Vertrauen aufbauen und ihm vielleicht die Freiheit geben. 

Bereits an diesem 08.06. konnte ich das Tier vorsichtig anfassen. Ich hatte ein Fellmäuschen am Stab dabei, mit dem ich ihn streichelte. Er reagierte mit Fauchen. Vorn lenkte ich ihn mit Fellmäuschen ab, hinten berührte ich ihn mit der Hand. Von da an, jeden Tag eine halbe Stunde streicheln. Das Fellmäuschen war am nächsten Tag zerlegt. Er hatte es also näher untersucht. 

Bereits in der folgenden Wochen konnte ich ihn zwischen den Augen streicheln. Natürlich immer verbunden mit Fauchen und dem ständigen Wegdrehen des Kopfes und Zudrehen des Hinterteils (Kopf in den Sand-Theorie). Ich dachte über einen Namen nach und irgendwie kam mir das Lied „Moon-River“ in den Kopf. Also sang und summte ich ihm jeden Tag Moon-River vor und da ich den Text nicht mehr genau kannte, war das Wort „Moon-River“ das einzige, das gesungen wurde. Ohren und Augen zeigten bei dem Wort „Moon-River“ eine gewissen Entspannung, ein Wiedererkennen. Also begrüßte ich den Kater beim Eintreffen zunächst mit dem Lied. Dann erzählte ich im von all den Dingen draußen, die er nicht kannte.

Und dabei streicheln, am besten keinen Blickkontakt.

Wieso war alles so einfach?

Natürlich hatte ich Sorge wegen der Wochenenden. Besuchsverbot. Aber eigentlich ging es an den Montagen besser als gedacht. In der 2. Woche brachte ich einen Styropor-Container mit und merkte bereits am nächsten Tag, dass er ihn sich von innen betrachtet hatte. Kissen zerwühlt und Kratzspuren. Ein ganz normaler Kater also. Übers Wochenende legte ich ein besonderes Trockenfutter in den Kasten. 

Gleichzeitig kümmerte ich mich um seine beiden Geschwister, die offenbar nicht ganz so ängstlich waren wie er. Einer der beiden normal getigerten Katzen umkreiste mich, wie ein Tiger. Die andere verkroch sich unter den Kratzbaum, roch an meinen Füßen oder Händen und knabberte ein bisschen daran. Bei den beiden hatte ich das Gefühl, dass sie schnelle zutraulich werden würden. Ihnen konnte ich aber nur 1/3 der Zeit widmen, die Moon-River bekam. Die beiden konnten mich aber bei der „Arbeit“ mit Moon-River beobachten. Sie saßen auf ihrem Katzenbaum, kuschelten miteinander und schauten auf mich und ihn herab.   

Eigentlich wollte ich Moon-River nur seine Freiheit wiedergeben. Er war frei geboren. Und ich machte mir nichts vor: Selbst wenn ich den Katzer berühren und streicheln kann, er würde gewiss in den nächsten 2 Jahren nicht von sich aus zu mir kommen, um sich Streichelein-heiten abzuholen. Zu tief sitzt die Angst in frei geborenen Tieren, wenn sie nicht sofort an die menschliche Hand gewöhnt werden. 

Allerdings sollte er wissen, wo er Hilfe bekommt, wenn es ihm schlecht geht und wo er Futter bekommt. Dazu muss ich ihn natürlich zu Hause 14 Tage einsperren und gleichzeitig an die übrige Katzenhorde gewöhnen.  

Ich habe mir Moon-River ausgesucht, weil er derjenige war, der am meisten Angst hatte und nicht aus der Angst heraus einen Angriff zu startete. Er passt zu meinen Katzen. Er ist kein Verteidiger. Wir werden sehen, wie er sich entwickelt. Außerdem ist er schwarz und so können meine Nachbarn ihn schlechter von den anderen unterscheiden. Die sind nämlich auch alle schwarz. 

Eigentlich mochte ich nie schwarze Katzen. So ist es im Leben.  

Montag, 20.06.2005

Alles beim alten, nach anfänglichem Fauchen, Streicheleinheiten und Moon River genießen. 

Mittwoch 22.06.2005

Eigentlich wollte ich ihn noch nicht mitnehmen, erst zum Wochenende. Aber der Platz wurde gebraucht. Mit 2 Personen auf 1 qm mit Katzenkorb und Katzenbaum in Lederhandschuhen Versuchen wir ihn aus der Katzenbaumhöhle in den Tragekorb zu schütteln. Vergebens. Dann versuchen wir ihn doch herauszuziehen und so geht es denn auch nicht ohne Verletzungen ab. Die Helferin aus dem Tierheim bekommt seine Angst zu spüren! Hinterher sieht sie aus, wie vom anderen Stern – voller Silberpflasterspray. Zu Hause bringe ich ihn in die Waschküche und er lässt er sich streicheln. Ich lasse den Korb offen und als ich wieder nach ihm sehe hat er sich unter einem alten Schrank verkrochen. 10 cm reichen. 

Dort harrt er aus und verweigert Futter und Wasser bis Samstag. Er erkundet nachts Fluchtwege, auch das offene Loch im Schornstein. Ich sehe überall Rußpfotenabdrücke, heruntergefallene Kartons oder Dinge, die nicht an ihrem Platz liegen. Auch das Katzenklo ist benutzt. Dennoch – er wird sich noch eine Blasenentzündung holen, auf dem kalten Zement. 

Sonntag, 26.06.05

Mutti sagt, ich hätte Sanso im Stall eingesperrt, er hätte auf der Fensterbank gesessen und da hat sie die Tür aufgemacht!!! Schreck lass nach, hoffentlich ist Moon River noch da. Ich weiß ja genau, das Sanso noch auf dem Stalldachboden eingesperrt ist – wie immer nachts, seitdem er sich verlaufen hatte. Ich nehme die Taschenlampe und suche die Winkel ab. Moon River liegt unter dem Schrank. 

Montag, 27.06.05

Standort verlegt von unter dem Schrank in die Ecke, vor der alle möglichen Dinge stehen, gleich neben dem Schrank. Beobachtet mich. Nur mit einem Auge sichtbar. 

Dienstag, 28.06.2005

Ich räume die Waschküche aus, alle Fahrräder raus, zwei neue Schränke rein, alte zur Seite, fegen, gegen schlechte Katzengerüche desinfizieren. Auch das Versteck von Moon River wird zur Seite gerückt. Der Kater bleibt immer mit dem Kopf unter dem Schrank. Als wir den Schrank umlegen, wechselt er blitzschnell unter den antiken Ofen. Dort lässt er sich wieder streicheln. Ich baue neue, kontrollierbare Höhlen und verbarrikadiere die Schränke an den Unterseiten.  

Dann streichle ich ihn wieder und alles geht ohne Fauchen. Er genießt es. Aber er traut sich nicht aufs Katzenklo und als er eine riesige Pfütze unter sich macht, ohne das Katzenklo zu benutzen, nehme ich das Spray und sprühe die Pfütze ein. Der Kater kriegt solch einen Schreck, dass er – ich traue meinen Augen kaum – mit einem Satz in das offene Schornsteinloch in 1,50 m Höhe springt und darin verschwindet! Ich bin sprachlos. Das hat er sicher schon mal ausprobiert! Daher die vielen rußigen Katzenpfotenabdrücke. Ich bin so dumm!

In meiner Not öffne ich die untere Rußklappe, damit er besser raus kann. Mit seinem Hinterteil verstopft er die Öffnung und ist stocksteif. Ich streichle ihn, aber er ist beleidigt. 

Ich muss noch geduldiger werden. Ihn einfach in Ruhe lassen. Tür zu und gut. 

Doch die Familie ist nicht geduldig. Mein Sohn versucht, die Katze aus dem Schornstein zu ziehen, mit dem Erfolg, dass der Kater im Schornstein aufwärts klettert, an der blanken Mauer! Alles hoffen und singen war umsonst. Am nächsten Tag halte ich einen Spiegel in den Schornstein. Leer! Mein kleiner Schornsteinfeger ist ca. 7 m an der Wand ganz nach oben geklettert und muss sich durch die dichte Efeuberankung gezwängt haben. Dort, wo er das Licht der Freiheit sah.  

Wir haben nicht gesehen, dass er den Schornstein oben verlassen hat. Wir haben ihn aber auch nicht wieder gefunden. Irgendwie wusste ich, dass er nicht für mich bestimmt war und eigentlich wollte ich ihm nur seine Freiheit und einen sicheren Futterplatz geben. Das hat er sich hart erkämpft oder er hat Platz gemacht, für einen, der es dringender braucht und wollte mir nur deutlich machen: Ich komm allein klar! Moon River wird sich sicher in der Freiheit wohl fühlen. Es gibt hier unzählige Schlupfwinkel und genügend Mäuse und es gibt Honeytree mit Futterplätzen für Mondkatzen. 

06.07.2005 Moon-River hat Platz gemacht für Black Jack. 

15.08.2005 Moon-River gegen 19.00 Uhr zwei Häuser weiter über die Straße laufen sehen. Als ich ihm Futter bringe, flüchtet er. Futter am nächsten Morgen weg. 

17.08.2005 Moon-River gegen 20.30 Uhr auf dem Grundstück gegenüber nahe unserem Haus gesehen. Rennt zunächst weg, beobachtet uns aber kaum sichtbar hinter einem Grasbusch, wälzt sich glücklich auf dem Asphalt und läuft dann nochmals über das Grundstück. Als ich „Moon-River“ rufe, hält er inne, schaut und verschwindet im Gebüsch. Dort Futter hingestellt. Nächsten Tag weg. 

22.08.2005

Moon-River gegen 20.30 am Carport/Mülleimer meiner Nachbarn. Bringe ihm Futter, er wartet mit einigem Abstand. Versuche Black Jack fern zu halten, der ein bisschen mit Merlin balzt und versucht Tiffy zu erschrecken. Aber bis er Moon-River entdeckt, hat dieser doch 1/3 des Futters gefressen. Ich wundere mich, dass er sich ganz normal bewegt, wenn er seine Tarnung aufgibt. Nicht ängstlich, nicht geduckt. Wollte Futternapf an die Stelle stellen, wo ich ihn jeden Abend abgestellt hatte, wenn ich ihn nicht gesehen habe. Da wartete schon ein dicker Igel als Stein getarnt. Vielleicht schließt Moon mit Jack Freundschaft? Sie sind gleichalt. Warum nicht? 

25.08.2005

Welch ein Erlebnis! Hatte ihm Futter hingestellt. Meine Katze Tiffy folgte mir. Wir befanden uns unter dem Carport, welches an eine aufgeschüttete Rampe gebaut ist. Auf dieser Rampe des Moonriver an den letzten Abenden. Es ist wieder 20.30 Uhr. Tiffy mauzt und ich unterhalte mich mit ihr und dabei er-wähne ich ein paar Mal den Namen Moonriver. Und wie aus dem Nichts ist plötzlich keine 2 m von mir entfernt, mein kleiner Schornsteinfeger. Guckt mich offen und interessiert an, immer auf der Hut. Er kann Tiffy nicht sehen, aber er muss sie doch gerochen und gehört haben, wenn er mich hören konnte. Dann knurrt Tiffy und er dreht sich um und läuft langsam zum Ende der Rampe. Offenbar kennen die beiden sich schon. Das Futter steht an den Mülltonnen. In 10 Tagen fahre ich in Urlaub. Hoffentlich bleibt er. Bis dahin muss ich ihn verwöhnen und dann dafür sorgen, dass meine Nichte ihn verwöhnt. Er ist nie sehr ausgehungert. Er nascht nur von dem, was ich ihm bringe. Heute ist es um 21.00 Uhr schon sehr schummrig. Ein Regentag. Ich kann vom Küchenfenster den Napf nicht sehen. Ob ich ihn wieder einfangen sollte mit der Katzenfalle aus dem Tierheim? Aber eigentlich wollte ich ihm doch die Freiheit geben. 

28.05.2005                 

Heute wartet er schon, als ich komme, kurz vor 20.30 Uhr. Er scheint Black Jack und auch Tiffany zu kennen, jedenfalls ergreift er nicht die Flucht, wenn sie sich ihm nähern. Dies war der letzte Moment, an dem ich Jack sah. 

29.08.2005

Die Sonne schien und Moon-River lag bereits um 19.50 Uhr vorm Carport und genoss den Ausblick auf den Parkplatz. Schnell, die Gelegenheit ist günstig.Den Fotoapparat und Futter natürlich. 

02.09.2005

Übermorgen fahren wir in Urlaub. Ob er in 2 Wochen auch noch auf mich wartet? Auch tagsüber war Moon-River heute zu sehen. Urlaub in Bayern, man berichtet mir am Telefon Moon-River wartet.

Rückkehr 17.09.05 Moon-River wartet. 

20.09.05     

Er kommt bis an die Haustür meiner Nachbarn. Wir stehen dahinter und schauen durch die Scheibe. Er frisst aus dem Trockenfutter-Napf. Sheba kommt. Sie fressen aus einem Napf. Vorsichtig. Moon-River zieht sich zurück, läuft jedoch nicht davon. Kein Streit mit Sheba. 

21.09.05     

Morgens. Ich lasse Sanso raus. Er steht auf dem Gartenweg und weiß mal wieder nichts mit sich anzufangen. Hey, da ist ja noch einer, Africa? Nein Moon-River steht auf dem Gartenweg. Ich spreche ihn an und er ist verschwunden. Abends wartet er. 

22.09.05     

Ich arbeite in den Gärten. Er schleicht in meiner Nähe herum. Versteckt sich hinter ausgerissenen Sträuchern. 

23.09.05     

Lange Unterhaltung mit einer Bekannten an Straßenrand. Moon-River läuft hin und her, guckt mal hinter der Hecke hervor, legt sich vor „sein“ Carport, streicht durch die Rabatten gegenüber, hört zu, was wir reden. 

25.09.05     

Er wartet. Da es jetzt schon um 20.00 Uhr dunkel ist, wartet er bereits um 18.30. Ich gehe zu ihm, Futter bringen. Er kommt zum Napf, ängstlich, unruhig. Mir folgen Africa und Velvet. Ich streichle Africa. Er ist sehr interessiert. Kommt bis auf zwei Meter heran. Läuft hin und her, zieht sich zurück, kommt gleich wieder. Redet mit Africa. Würde was drum geben, wenn ich es verstehen könnte. Africa antwortet nicht, zeigt ihm nur, dass er streicheln toll findet. Versuche, Moon-River mit einem Grashalm zum Spiel anzuregen. Er zögert, ist ängstlich. Paisley ist mir auch gefolgt. Er beobachtet sie. Kommt jedoch immer wieder hinter mir her. Will sehen, was wir machen. Paisley interessiert sich nicht für ihn. Schließlich bringe ich ihm sein Futter an die bekannte Stelle. Lasse ihn in Ruhe fressen. Gehe nach einer Weile wieder hin. Er wartet. Sage ihm: „Moon-River komm“. Und dann das Wunder: Er kommt. Er folgt mir bis an den Grundstücksrand und dann kommt Tiffy. Aber sie interessiert sich nicht für ihn und er nicht für sie. Nachdem Tiffy und Paisley im Haus verschwunden sind, kommt er auf den Hof. Ich nehme die Wäsche ab und Merlin lauert. Den scheint Moon-River aber auch zu kennen. Er kümmert sich nicht um Merlin. Er rennt hinter das Gewächshaus, guckt wieder um die Ecke, rennt wieder hinter das Gewächshaus, kommt wieder hervor. Total aufgeregt. Er ist in meinem Territorium. Ich öffne ihm die Schuppentür. Da will er nicht rein, er rennt wieder nach vorn zur Straße und dort entdecke ich ihn auf der anderen Seite des Hauses an den Futternäpfen. Als er mich hört, flüchtet er. Für heute reichts.

Das ist mehr, als ich je zu träumen gewagt hätte und einfach unglaublich interessant. Während ich vor einer Woche noch darüber nachdachte, ihn doch wieder mit der Falle einzufangen und ihn eine Woche im Holzschuppen einzusperren, hat er ganz andere Pläne mit mir. Typisch Katze. Er wird mich schon so hinkriegen, wie er es gern hätte.

Im Laufe dieser Woche ist das Verhältnis ein wenig vertrauter geworden. Moon-River sucht Kontakt zu den anderen Katzen. Er ist sehr interessiert, aber bleibt auf Abstand. Er hat sich sogar schon bis an die Küchentür im Haus nebenan gewagt. Er kommt, wenn man ihn ruft und möchte teilhaben, traut sich aber nicht recht. Habe das Gefühl, seine Angst vor mir lässt nach. Er ist mutiger, kommt mir sehr nahe, wenn ich eine andere Katze bei mir habe, egal welche. Paisley beobachtet er sehr genau. Ihr gegenüber ist er ruhig. Rennt nicht sofort weg. Er weiß, sie tut ihm nichts, bleibt aber vorsichtig. 

Sheba habe ich bewusst am 28.09.05 letztmals gesehen. Da lag er im Beet an der Hauswand und ruhte. Er war ja in letzter Zeit häufig „abwesend“, kam aber immer wieder. So recht gefiel es ihm aber nicht. Er hatte nichts gegen Moon-River, aber Black Jack war wohl nicht sein Fall. Vielleicht hat er gar nicht gemerkt, dass Black Jack tot ist. Jedenfalls, am 28.09. war Sperrmüll. Ich glaube nicht, dass Sheba mitgefahren ist, aber vielleicht ist er angefahren worden. Es war hier ein Betrieb, auf der Straße, unglaublich. Alles war wir rausgestellt hatten, wurde sofort wieder eingeladen. Das 25 Jahre alte Fenster, was schon 10 Jahre draußen auseinander gebaut herumstand, weil Günter es nicht geschafft hat, es im Stall einzubauen, dass 10 Jahre alte Sofa von Tom, dass von Cappuccino völlig zerkratzt wurde. Darin fanden dann die Sperrmüll-Sammler, die kaum deutsch sprachen, auch mein seit August verschwundenes Schlüsselbund und haben es mir brav zurückgegeben (sie hätten später damit auch mein Haus ausräumen können). Die alte Kommode aus dem Katzenhaus, wurmstichig und so zerfressen, dass beim Transport vom Stall zur Straße die Füße abfielen. Die alten Ofenrohre – bringen noch Geld beim Schrotthändler. Und der alte Holzkronleuchter, zu dem Günter neue Glasleuchten machen wollte, und der schon jahrelang auf dem Dachboden lag. „Haben Sie noch alte Fahrräder?“ Nein, die hatten wir nun wirklich nur aus dem Stall gebracht, um die alte Kommode rauszuschleppen. „Bring die Fahrräder in Sicherheit“, sagte ich zu Günter. Spät abends sah unsere Straße sah aus wie immer. Der Sperrmüllwagen hatte nichts mehr aufzuladen und Sheba war weg. Das merkte ich aber erst am Freitag. 

Da sagte meine Nachbarin zu mir, ihr Mann hätte am Kanal ein Katzenbaby jammern gehört. Sheba jammerte immer sehr laut. Das Gejammer soll zart und leise gewesen sein. Ich also hin. Gerufen, Futter hingestellt. War nächsten Tag weg, können aber auch Igel gewesen sein. Alles abgesucht, allein, mit Fahrrad, mit Hund. Kein Katzenbaby, kein Sheba. 

Am 01.10.05 sehe ich im Beisein einer Nachbarin erstmals, dass er die Katzenklappe auch von außen nach innen benutzt. Bisher folgte er mir durch die Tür in den Stall und verließ ihn durch die Katzenklappe. 

23.10.05

Eigentlich war er von da an immer bei uns. Moon-River hat sich häuslich bei uns niedergelassen. Er hat Sanso umschmeichelt, indem er seinen Schwanz um ihn kringelte und über seinen Rücken streichte. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen: Moon-River ist eine weiblich Katze. Sanso lässt ihn gnädig nachts in seine Gemächer auf dem Dachboden.  

Moon-River pirscht sich langsam an Sanso heran, ganz vorsichtig, Sansos Autorität achtend, angelt er mit der Pfote nach einem Brocken von Sansos Futterteller. Sanso teilt sein Futter mit ihm und dafür scharrt Moon-River die Kothaufen von Sanso im Katzenklo zu, so dass Sanso beim nächsten Mal nicht außerhalb des Katzenklos sein Geschäft erledigen muss. Perfekte Ergänzung. Moon-River ist zurückhaltend und belästigt Sanso nicht. Gestern konnte ich ihm zum ersten Mal über den Rücken streicheln.  

An Moon-River ist mir aufgefallen, dass er (Norwegischer Waldkater) sich anders bewegt, als die anderen. Er ist jung. Aber normalerweise bei Katzen, wenn man etwas vor ihrem Kopf hin- und herschwingen lässt, folgen sie mit einer Kopfdrehung rechts links. Moon-River bewegt den ganzen Oberkörper. Wie eine Schlange, die das Opfer fixiert. Wenn er oben auf dem Treppenpodest sitzt und ich komme die Treppe herauf, springt er über das Geländer in die Tiefe – Schreck lass nach – um wenige Minuten später, wenn ich weg bin, wieder über das Geländer auf die Plattform zu klettern. Er muss sich in den Rankgewächsen festhalten. Ein Klettermax, daher auch kein Problem, durch einen Schornstein zu entfliehen. 

1.11. Moon-River umstreicht erstmals meine Beine.