Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

........Chilly

Den Verlust unseres geliebten Teufelskerles überwand ich schwer. Vom ersten Tag an wusste ich, er würde nicht wiederkommen, dennoch suchte ich die Umgebung mehrfach ab und bei meinen Spaziergängen mit dem Hund hielt ich von den Brücken und Wällen Ausschau nach einem lebenden oder leblosen gelben "Red Chilly Pepper".

Nichts.

Ich wollte keinen Gedanken daran verwenden, dass vielleicht jemand für sein Rheuma-Zipperlein ausgerechnet ein rotes Chilly-Fell bestellt hatte. Chilly war kastriert. Er blieb nie lange fort. Er trug ein blaues Halsband mit Strasssteinen und einem Metallplättchen, auf dem sein Name und meine Telefon-Nummer eingraviert war.

"Denkst Du, das interessiert die Katzenfänger?", sagte meine Nichte zu mir!

So schwer es ist, sicherlich ist es angenehmer, eine Katze tot aufzufinden, als in Ungewissheit zu leben.

Innerlich war ich untröstlich.

Mir fielen meine Freunde ein, die den Bruder von Moritz zu sich genommen hatten: "Micky".

Als Micky nicht mehr nach Hause kam, suchten sie überall, hängten Zettel an die Bäume und schließlich meldete sich jemand, der Micky gefunden und begraben hatte.

Sie gruben ihn wieder aus, um Gewissheit zu haben. In seinem Grab lag ein kleiner Vogel. Das Grab befand sich an einer Bundesstraße. Die Katze hatte weder äußerliche Verletzungen noch Knochenbrüche. Eine winzig kleine wenige Millimeter kleine, nicht blutende Verletzung am Hals konnte nicht die Todesursache gewesen sein.

"Vielleicht hat er Schneckenkorn gefressen", sagte ich zu ihnen. "Nehmt es so hin, ihr habt ihn jetzt bei euch und wisst, wo er geblieben ist."

Sie begruben ihn im Garten und der Kummer ließ nach, hatten sie sich doch entschieden, von unserer trächtigen Tiffany 2 Junge zu sich zu nehmen.

Auch die Schwester von Chilly hatte am 28. April 2001 fünf Kätzchen bekommen. Eines davon war rot wie Chilly selbst. Ein Kater. Seine Menschen nannten ihn auch Chilly, was meine Nichte, als Nachbarin der Chilly-Dosen-Öffner, gar nicht gut fand. "Es gibt so viele andere Katzennamen, muss er ausgerechnet Chilly heißen?"

Ich jedoch dachte: Ein passender Name für einen roten Kater, noch nicht wissend, was er für mich bedeutete.

Natürlich hatte man für den kleinen roten Kater sofort einen Abnehmer. Doch als es soweit war, hatte sich der Interessent bereits eine andere Katze besorgt.

Der kleine Chilly war herrenlos.

Meine Nichte rief mich an. Ich sagte sofort "JA!", aber ach, wie sollte ich es meinem Mann beibringen, dass ich schon wieder mit einer Katze schwanger war.

"Nein," sagte er, "Du vermittelst sie, deine Tierärztin hat doch Interessenten".
"Nein", dachte ich.

Doch welche Probleme kamen da wieder auf mich zu? Meine Bärenwerkstatt beanspruchte neben meinem Beruf momentan soviel Zeit. Außerdem hatte ich wieder einen Job in der Erwachsenenbildung angenommen. Wie würde Tiffany mit ihren Jungen reagieren. Eigentlich lag alles an ihr.

06. Juli 2001

Er war dünn, um nicht zu sagen: mager, obwohl er nach Auskunft seines menschlichen Dosenöffners gut fraß.

Ich legte ihm ein altes Halsband von Tiffany an, packte ihn in den Transportkorb und er fand es interessant. Vor Aufregung bemerkte er das Halsband gar nicht.

Seine Geschwister saßen völlig verstört im Korb, duckten sich und legten die Ohren an, mit einem seitwärts gerichteten Kopf. "Die sind ja wie wilde?!", bemerkte ich etwas irritiert.


Chilly hatte 9 Wochen lang keine Sonne gesehen. Er lebte mit seiner Mutter und seinen 4 Geschwistern in einem völlig leeren Keller ohne Spielzeug und Klettermöglichkeiten!

Wir tranken noch einen Kaffee auf der Terrasse und er schaute neugierig in diese für ihn völlig neue Welt, mit Sonne, Wind, Blumen und und und........

Auf der Heimfahrt jammerte er nur wenig. Er schlief.

Zu Hause setzte ich die beiden Kleinen von Tiffany sofort in seinen Korb. Das gefiel keinem, aber ich wollte, dass sich die Düfte etwas vermischen.

Fehl gedacht! So einfach war das nicht!

Zwischen den kleinen Katzen war ein Altersunterschied von 3 Wochen, die wie 3 Jahre erschienen. Chilly war ein "großer" magerer Kater.

Gefauche auf allen Seiten. Überhaupt wurde von Chilly alles befaucht, was er nicht kannte und was kannte er schon: Stuhlbeine, Spiegelbilder, wackelnde Gardinen, Menschenhände, Spielzeugmäuse! Alles war neu für ihn.

Geknurre wo immer sich Chilly und Tiffany begegneten.

Aber er war mega-neugierig und vorwitzig. Verfolgte Tiffany ihn, entschlüpfte er durch die kleinsten Lücken und baute sich hinter ihr wieder auf, um ihr interessiert zuzuschauen, wie sie sein Schlupfloch inspizierte. Hatte ihn eben noch ein Spielzeug zu Tode erschreckt, probierte er es im nächsten Moment aus. Rannte er eben noch voller Panik vor uns davon, saß er wenige Minuten später neben uns.

Er pirschte sich an unsere Seelen.

Leider nicht an Tiffanys.

Manchmal beobachtete sie ihn stumm von erhobenen Plätzen, dann wieder jagte sie ihn knurrend. Wenn sie nur seinen Kopf sah, verwechselte sie ihn manchmal mit ihrer eigenen Tochter, die auch überwiegend rot gestromt war. Sobald sie den Irrtum bemerkte, wurde es gefährlich für Chilly. Aber er war flink. Red Chilly Pepper war nicht zurückgekehrt, es war keine Reinkarnation. Es war ein tröstlicher Neubeginn.

Es dauerte nur 5 Tage, bis Chilly mit Tiffany aus einem Napf fraß und die Verfolgungsjagden nicht mehr verbissen und gefährlich aussahen. Es schlug in Spiel um. Doch was würde Tiffany tun, wenn ihr Welpen abgegeben werden würden?

Chilly jedenfalls eroberte einen Raum des Hauses nach dem anderen. Brachte man ihn in einen neuen, flüchtete er in Panik, um im nächsten Moment gleich wieder auszuprobieren, ob er ihn selbstständig wiederfindet.

Ein Körbchen wollte er nicht annehmen, auch keinen Karton. Er schlief am liebsten in irgendwelchen versteckten Ecken oder auf meinen neuen Esszimmer-Stühlen!!!!

Er war hyperaktiv. Kein Wunder. Er hatte Nachholbedarf.

Mein Sohn Tom sagte: "Er ist Red Chilly nicht ähnlich. Er hat ein kleines fieses Katzengesicht." Damit meinte er die wunderbar schräg gestellten Augen. Sein Fell war etwas bräunlicher als Red Chilly Peppers. Eigentlich ein Tiger-Kater.

Er lernte bald das Schnurren und schloss meinen Sohn Jan in sein Herz und seine Schlafplätze bei Nacht: Fußende.

Dann die Überraschung! Nach 10 Tagen knurren, bekriegen, jagen, respektieren lernen, durfte er sich in die saugenden Welpen als 3. im Bunde einreihen! Tiffany hatte Mitleid mit dem Neuling. Sie war eine supergute Katzenmutter.

Als wir uns schweren Herzens am 20. Juli 2001 von Tiffanys Welpen trennen mussten, waren wir sicher, das Chilly während unseres nun folgenden zweiwöchigen Urlaubs gut versorgt war und Tiffany hoffentlich keine allzu großen Trennungsschmerzen haben würde.

Als wir am 04. August aus dem Urlaub zurückkehrten, fanden wir Tiffany verletzt vor. Sie hatte einen krummen Rücken und steife Hinterbeine und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Wir brachten sie noch am selben Nachmittag zur Tierärztin. Vermutlich (sie war nachts nicht nach Hause gekommen) war sie eingesperrt worden und hatte versucht, sich durch ein Kippfenster ins Freie zu retten. Einer unserer Nachbarn hatte sich beschwert, dass eine bunte Katze des öfteren auf seinem BMW sitzen würde. Es will nichts heißen, dennoch drängen sich Verdachtsmomente auf.

August 2001

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