Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

17. Africa & Sanso 

Urlaub 2004 stand vor der Tür . Abschied von allen Katzen, selbst Gremlin, der sich in letzter Zeit nur auf Rufen sehen lässt, kommt. Ich sage ihm, dass ich 2 Wochen nicht da bin. Er ist unruhig auf meinem Arm – wie gejagt, schreckt bei jeder Kleinigkeit hoch, springt schließlich runter, läuft in den Garten springt über den Zaun. Er hat sein Gebiet in dem Garten zwei Grundstücke neben uns. Von dort kommt er, wenn nach ihm gerufen wird, nicht ohne vorher mit einem lauten „Mau“ (ich bin da, ich komme) zu antworten. 

Es ist immer schwer, 2 Wochen weg zu bleiben, vorher alles zu organisieren, Futter ranschleppen für 7 Katzen, 1 Hund, div. Teich- und Aquarienfische für 2 Wochen. Verpflegungspläne schreiben: Wer, was, wo, wie viel und welche Besonderheiten, wie z. B.: Tabletten für den Hund, mit entsprechenden Mettwurstscheiben oder: Gremlin frisst nur Thunfisch vermischt mit Haferflocken auf dem alten Herd in der Waschküche im Nebengebäude  platziert. 

Ein traumhafter Urlaub, mit Supersonnenschein, einer schönen Puppen- und Bärenausstellung in Obermaiselstein. Dennoch nach spätestens einer Woche Urlaub quält mich das Heimweh und ich hoffe, nach meinem Urlaub sind noch alle Katzen da. Nach 10 Tagen Urlaub wache ich nachts auf. Ein Albtraum: „Ich sah, wie Gremlin in Höhe der Oase die Hauptstraße überquert. Ein Auto fährt heran. Ich schreie: „Grem!“ Er sieht mich an und läuft weiter aufdie Wiese zu. 

Ich bin wach und weiss, in Wirklichkeit hat er es nicht geschafft. Er hat sich im Traum von mir verabschiedet. Am Nachmittag rufe ich zu Hause an. Alles in Ordnung mit den Katzen? Fehlt keine? Grem? Sie denken, sie haben ihn noch gesehen, aber wann? Mutti geht es nicht so gut, ich höre es, aber sie klagt nicht, fragt nur gequält, ob wir Samstag oder Sonntag nach Hause kommen. Es ist Mittwoch. 

Heimweh. Auf der Terrasse unseres Hotels ist plötzlich ein wuscheliger Kater. Er lässt sich von mir streicheln und wie ich bald erfahre, gehört er in die Nachbarschaft und heißt „Sanso“. Dank „Sanso“ fallen mir die letzten Tage nicht gar so schwer. Beinahe vergesse ich den Traum. 

Als wir Sonntag nach Hause kommen, steht meine Schwester schon in der Tür. Mutti muss mit Thrombose ins Krankenhaus. Sie hat es wohl auch abends nicht mehr geschafft, rauszugehen, um die Katzen zu füttern. Warum hat sie bloß nichts gesagt….. 

Ich rufe im Garten nach Grem. Er kommt nicht. Am Nachmittag gehe ich ihn suchen, an der Stelle, die ich im Traum sah. Aber ich finde nichts. Der Traum war vor 5 Tagen,  es war wohl doch sein Abschiedsgeschenk für mich. 

Dennoch kann ich die Suche nicht aufgeben. Nach 10 Tagen gehe ich ins Tierheim. Vielleicht ist er ja doch dort. Er hatte zwar ein Halsband, aber kein Metallplättchen mit Tel.-Nr. mehr.

Im Tierheim schleiche ich um das Außengehege. Hinter Sichtschutzplatten plärrt mich eine Katze an. Ich sage im Vorbeigehen: „Was ist, du kleiner Jammerlappen?“ und sie antwortet. 

Ich komme an den großen Gemeinschaftsfreilauf und sehe mir die Katzen an. Ein zerzauster grauer Tiger verkriecht sich ängstlich vor mir. Die anderen sitzen auf ihren Plätzen und visieren mich an. Ein etwas kleiner gebauter, aber offenbar ausgewachsener schwarzer Kater (es kann unmöglich eine Katze sein), drückt sich an den Käfig, um sich von mir Streicheleinheiten abzuholen. Er gibt alles. 

Ich bitte eine Mitarbeiterin des Tierheimes, mich in das Gehege zu lassen. Sie schließt auf und der kleine schwarze Kater mit ungeheuren O-Beinen kommt auf mich zu und reibt sich an meinen Beinen. Ich nehme ihn auf den Arm und er fängt sofort mit dem Milchtritt an, meine Schulter anzunuckeln. Zwischendurch guckt er mich an und sabbert voller Begeisterung. So etwas ist mir noch nie passiert. Aber ich suche ja keinen neuen Kater, sondern meinen Gremlin. Das war am 20.09.2004. 

Aber wie das Leben so ist. Es lässt einen nachts nicht schlafen und von einem kleinen, schwarzen, sabberndem Kater träumen. 

Also am nächsten Tag wieder hin und ihn mitgenommen. Ich nenne ihn Africa. Er hat einen diabolischen Blick und er ist völlig damit zufrieden, in Zukunft bei mir zu leben.  

Die Tierheim-Leiterin bittet mich, noch nach dem Kater in der Quarantäne zu schauen. Er tut ihr so leid. Ein Halbperser. Er hat Durchfall und ist abgemagert. Ich schau mir das Tier an.

Er hat alle guten Eigenschaften mitbekommen: Das dichte etwas längere Fell der Perser und die gerade Nase der normalen Katzen. Ich mag die normalen Perser nicht. Mit ihren gestumpften Nasen sind sie bedauernswert. Ich hole ihn aus seinem Raum in den Vorraum, um ihn besser beobachten zu können. Sofort steht er mit der Nase an der Tür, die als einzige nach draußen führt. Ein Freigänger. Was ist mit ihm passiert? Wie kommt er ins Heim? 

Africa reagiert sofort auf ihre neuen Namen. 

Zu Hause sperre ich Africa in unseren ausgebauten Stalldachboden. Dort verkrümelt er sich für 3 volle Tage und beobachtet mich aus seiner sicheren Ecke heraus. Am dritten Tag wird es mir zu bunt, ich sage ihm: „Je länger du in deinem Versteck sitzt, um so länger bleibst du hier drin. Überleg es dir.“ Aus der Ecke kommt ein: „Mau!“ Der Kater steht auf und kommt. Ich kraule ihn. Etwas später kommt mein Sohn herein und sagt: „Der hat aber O-Beine!“ und ich antworte: „Vorsicht, er versteht jedes Wort.“ Daraufhin sagt mein Sohn zu dem Kater: „Africa sitz“ und Africa setzt sich brav vor ihm hin.  

Ab dem 22.09. besuche ich den Halbperser täglich im Heim und nenne ihn „Sanso“, weil Perwoll  sich nicht so gut anhört. Ich bürste ihn und probiere verschiedene Futtersorten aus. Er schaut mich nicht an, lässt sich aber bürsten und ist leicht wie eine Feder.   

Er wurde im August ohne einen Hinweis über den Fundort in die Katzenklappe geworfen. Zu diesem Holzkasten haben nur die Gemeinden und die Polizei Schlüssel. 

Der Kater befand sich schon über eine Woche in der Tierklinik, wo man feststellte, dass er organisch o.k. ist. Er ist sanft, sanft, sanft, kann aber auch knurren und versucht konstant durchzusetzen, was er will: Mit hungern, penetrantem Sitzen und unglaublichem Dünnschiss. 

„Er braucht nur etwas Ruhe,“ sagt die Tierheimleiterin. Ruhe hat er bei mir nicht. Ich habe 6 Katzen, darunter 4 Kater und einen Hund. 

Eine Woche später, am 27.09., ist auch er in meinem Stalldachboden-Zimmer. Und damit falle ich in Ungnade bei Africa. Der ist sauer und eifersüchtig. Sanso interessiert das weniger. Er sorgt dafür, dass ich täglich den Fußboden und alles andere putzen muss. Er hat unerträg-lichen Durchfall. Er explodiert auf dem Katzenklo, wenn er es denn benutzt. Er verscharrt nichts sondern tritt es breit. Er putzt sich nicht und stinkt wie ein Kuhstall und ignoriert mich völlig. Sitzt da, zum Sterben bereit, wie eine kranke Katze zusammengekrümmt. Ich versuche alles, damit er frisst. Gehe zum äußersten: Thunfisch. Ich will ihn nicht daran gewöhnen, er soll jedoch Appetit bekommen. Die besten Trockenfutter sind gerade gut genug. Bin froh über jeden Bissen, den er zu sich nimmt. Will kein Wasser, auch keine Milch und wird immer dünner …..will sterben. 

2 Wochen überstehe ich, dann stelle ich ihm eine Styropor-Box vor die Tür, die er Gott sei Dank sofort annimmt. Von da an schläft er draußen. Das Grundstück wird ringsum verbarrikadiert, denn der Kater überspringt keine Hindernisse, er kriecht unten durch und

ich will nicht, dass er das Grundstück verlässt, denn im Freien bemerke ich: Er ist etwas orientierungslos. Man muss auf sich aufmerksam machen, sonst findet er die Person nicht, die nach ihm ruft. Schnuffelt den ganzen Garten ab, jeden Stein, jede Pflanze. Mauzt wie eine Babypuppe.  

Dennoch, er magert noch weiter ab und ich habe Angst, dass er es tatsächlich nicht übersteht. Ich bringe ihn erneut zur Untersuchung in die Klinik. Dort wird festgestellt, er hat Gase im Körper hat, die das Futter zu schnell zersetzen. Er frisst vorn und bringt es hinten als Brei heraus. Sieben Mahlzeiten am Tag sind ein Muss.  

Also bringe ich ihm bei, durch die Katzenklappe zu gegen, was regelmäßig mit knurren und

Beleidigtsein belohnt wird. Nach unzähligen Versuchen braucht er noch immer ca. 10 x solange, wie die anderen, um die Klappe aufzudrücken. Aber er macht es.  

Und dann kam dieser Nach-Impftermin. Bereits lange überschritten. Aber dem Kater ging es so schlecht, dass er nicht geimpft werden konnte. Am 20.10. versuchen wir es erneut in der Tierarztpraxis. Draußen heulen die Sirenen. Die Fa. Schmalbruch brennt. Drinnen brennt es auch: Sanso erleidet kurz nach der Spritze – wahrscheinlich durch die Aufregung „Tierarzt“  – einen epileptischen Anfall. Wie schlimm das ist, weiß nur jemand, der es erlebt hat: Der Kater fällt um, die Zunge hängt heraus, Urin geht ab, die Augen sind verdreht, er zuckt mit den Beinen und hat Schaum vorm Maul. Ich rufe ihn bei seinem Namen und es ist eine leichte Reaktion zu erkennen. Als er wieder zu sich kommt, ist er etwas steif. Ich bringe ihn sofort nach Hause. Mir ist nun auch klar, weshalb er in der Katzenklappe lag und weshalb er einen schwankenden Gang hat und so desorientiert ist. Ein Epileptiker. Das hat mir gerade noch gefehlt. Wenn er weitere Anfälle bekommt, werden er und ich das dann überstehen?  Werden ihm nicht von einem zum anderen Anfall immer mehr Hirnzellen absterben?  Werde ich ihn jemals wieder in eine Tierarztpraxis bringen können? 

Der Winter steht vor der Tür und das dünne Fellbündel wohnt den ganzen Winter über draußen auf unserer Stallboden-Treppe in seinem Styropor-Container mit warmem Polar-Fleece ausgepolstert und Styroporwänden vor seinem Hauseingang. Er kommt heraus, sobald er meine Schritte hört, folgt mir zum Futternapf. Und ich tue alles, damit er zunimmt. Auch wenn ich drei Dosen aufreißen muss, weil er die ersten zwei verschmäht. 

Im Februar komme ich eines nachmittags spät heim. Es ist schon dunkel. Mein erster Weg führt zu Sanso, doch er ist weg. Meine Mutter erzählt mir, dass er am Morgen das Grundstück verlassen hätte und ich schimpfe mit ihr, weil sie ihn nicht zurückgeholt hat. Er sei schon öfter draußen spazieren gegangen, sagt sie.  Africa hätte ihn sonst immer zurückgeholt durch lautes Mauzen. Der gute kleine Africa, heute war er wohl gerade nicht da, als Sanso sich verlaufen hat.

Ausgerüstet mit Paisley, unserer Hündin und einer Taschenlampe laufe ich suchend und rufend die Straße hinauf bis zum Feld. Nichts. Dann auf dem Rückweg, dort, wo sich unsere Straße gabelt, sehe ich etwas Dunkles auf der Straße sitzen. Als ich näher komme, läuft es davon. Ich rufe: „Sanso!“ Der schwarze Schatten hält inne, dreht sich um. Ich rufe wieder und dann kommt er auf mich zugelaufen und wir haben uns wieder. 

Ich kaufe Sanso ein Halsband mit Gravurplättchen, auf dem Name und Telefon-Nummer steht. Das ist zwar teuer. Aber es beruhigt ungemein. 

Sein Fell verfilzt immer mehr und ich stelle mir schon vor, wie es ist, wenn ich ihn zum Hundesalon zum Haare schneiden bringen muss und er vor lauter Angst wieder einen Anfall bekommt. Also handeln. Bei jedem Fressen, einen Knoten abschneiden. Das wird natürlich mit Knurren quittiert und damit, dass er den Fressnapf verlässt. Also austricksen und beim

Kraulen und Streicheln immer mal einen Knoten abschneiden. Nach 2 Wochen sieht er aus, wie ein gerupftes Huhn.  

Im März stelle ich fest, dass Sanso früher wohl mit Wurstscheiben gefüttert worden sein muss. Die liebt er und er liebt noch etwas: Grashalme jagen. Und so trainieren wir jeden Tag. Ein bisschen Grashalme jagen im Garten und klettern üben: Oben auf den Steinhaufen gesetzt, Weg nach unten finden. Im Holzschuppen abgesetzt, Weg nach draußen durch das Schlupfloch der wilden Katzen finden.  

Erfreulich ist, dass der Durchfall im März nachlässt. Sanso ist nun fast ½ Jahr bei mir und ich muss nicht ständig die Gartenwege schrubben. Offenbar heilt auch seine Seele, denn er guckt mich hin und wieder an und ich merke, dass er auch Schnurren kann. 

Am 06.06. dann, morgens um 7.00 Uhr der große Schock. Sanso ist wieder weg. Und mir fällt nur ein Wort ein: „Orientierungslos.“ Wer oder was hat ihn in der Nacht so erschreckt? 

Ich suche alles ab. Ich benachrichtigte sofort meine Nachbarn und das Tierheim und hänge beim Supermarkt eine Suchmeldung auf.  

Abends um 22.30 Uhr klingelt das Telefon. Er ist gefunden. Ca. 1 km entfernt Richtung Stadtmitte wurde er unter einem Traktor gefunden. Von einer liebenswerten Schäferhündin.  Der Hundehalter, Herr  Alfonso Tagliamonte, hatte den Kater mit in die Wohnung genommen und gefüttert und erst etwas später entdeckt, dass auf dem Halsband auch eine Telefon-Nummer stand. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich meinen Dank an ihn und all diejenigen aussprechen, die in einer solchen Situation nichts unversucht lassen, ein gefundenes Tier wieder an den Eigen-tümer zurückzugeben. 

Und vielleicht liest ja auch derjenige, dem Sanso einmal gehörte, diese Geschichte.  

Es ist nicht klar, ob Sanso aufgrund eines Verkehrsunfalles oder Schlages auf die Wirbelsäule seinen schwankenden Gang hat oder ob tatsächlich epileptische Anfälle daran Schuld waren.

Fest steht jedenfalls, dass er trotz großer Aufregung – wie z. B. am 06.06. – keinen weiteren Anfall hatte. Er ist gut drauf, beinahe wie ein normaler Kater. Er hat seine Lieblingsplätze draußen vor der Tür im Vorgarten (ohne Zaun!) Er springt noch immer nicht über Zäune, sondern kriecht unten durch. Er schläft gern unter der umgekippten Schubkarre und wenn sie nicht umgekippt ist, setzt er sich so lange an die Stelle, wo er schlafen möchte, bis wir die Schubkarre über ihn decken. Unregelmäßigkeiten in seinem Tagesablauf quittiert er noch immer mit Durchfall.  

Am 17. Juni 2005 haben seine Pfoten zum ersten Mal schnurrend auf meinem Arm  andeutungsweise den Milchtritt gemacht! Sanso war glücklich. 

Im Herbst blieben Sanso und die neu bei uns lebende Moonriver nachts auf dem ausgebauten Stalldachboden. Meine Angst, er könnte sich verlaufen, war einfach zu groß. Moonriver umgarnte ihn und streichelte ihn mit ihrem buschigen Schwanz, er fand das einfach nur blöd und quittierte mit Durchfall. Als starke Fröste immer wieder das Futter und das Wasser auf dem Dachboden gefrieren ließen, lief er im Januar durch die offene Tür des Wintergartens und ihm schien es dort zu gefallen. Ich würde es riskieren, wenn er dies auch mit Durchfall belohnen würde, könnte ich ihn ja wieder auf den Dachboden bringen. Ich brachte ihm eine Weidenkorbhöhle  und er ließ sich für die nächsten 2 Monate darin nieder. Er konnte von dort aus das Leben draußen beobachten und wurde kaum gestört, kam nur zum Fressen und Trinken heraus. Selten, nur zum Wassertrinken, lief er hinaus ins Freie, um sofort wieder umzukehren und hereinzukommen.  

Am Montag, dem 27.02.06 – es hatte in den frühen Morgenstunden tüchtig gefroren – fuhr ich über den Kagenberg zur Arbeit, nicht wie sonst üblich über die Hauptstraße. Im Querweg des Meilereiweges lag auf der Straße eine schwarze Katze. Die feuchten Fellspitzen waren weiß gefroren, Blut war aus ihrem Maul gelaufen. Sie war völlig steif- und festgefroren. Sie muss mach dem Zusammenstoß mit einem Auto sofort tot gewesen sein, hatte keine auf den ersten Blick sichtbaren Verletzungen. Sie trug ein rotes Halsband auf der sich eine mit Filzstift geschriebene Nummer befand. Zunächst fuhr ich weiter – es war keine von meinen Katzen und ich kam zu spät zur Arbeit. Der Besitzer würde sie finden. Dann kehrte ich um. Ich fuhr  zu der Katze, sah mir die Nummer auf dem Halsband nochmals an: Eine Telefon-Nummer.

Ich schrieb mir die Nummer auf und fuhr dann nach Hause. Ich versuchte anzurufen, aber es nahm keiner ab. Ich würde es von der Firma aus nochmals versuchen, die Zeit drängte. Fast schon auf der Hauptstraße, kehrte ich um. Ich holte mir Handschuhe und eine Wanne und wollte die Katze von der Straße holen. Sie sollte dort nicht liegen bleiben. Als ich wieder hinkam, waren zwei nette, junge Menschen bei dem leblosen Katzentier und weinten. Ich hielt an und sagte ihnen, dass bei allem Leid doch nur wichtig sei, dass sie ein schönes Leben bei ihnen gehabt hätte und sie sie wieder gefunden hätten. Es wäre viel schlimmer gewesen, wenn sie das Tier nie gefunden hätten. 

An diesem Tag kam ich – wie schon öfter – zu spät zur Arbeit wegen einer Katze. 

Am folgenden Freitag brachten mir diese netten Menschen  (Meike und  Lukas) eine kleine Aufmerksamkeit. Ich war leider nicht zu Hause und bedankte mich anschließend telefonisch in einem langen Gespräch über Katzenleid und Katzenfreund. „Lilly“ hieß ihre verunglückte Katze. Sie war noch kein Jahr alt und erst kurz zuvor kastriert worden. Sie hatten extra wegen der Katze eine Wohnung in ruhiger Lage mit Garten gesucht. Eigentlich war mir zu dem Zeitpunkt schon klar, dass diese Begegnung einen Sinn hatte. „Lilly“ hatte Platz gemacht, für einen, der es dringender brauchte. Immer mehr drängte sich Sansos Name in meinen Kopf. Immer mehr wurde mir klar, dass er bei mir zwar gut aufgehoben, aber nicht glücklich war. Ich konnte ihm nicht geben, was er brauchte: „Die Einsamkeit einer Katze mit ihren Menschen.“ Ich wusste ja von vorn herein: Er musste allein gehalten werden.  Wie egoistisch von mir, ihn behalten zu wollen – auch wenn ich ihn sehr in mein Herz geschlossen hatte. Am 16. fasste ich allen Mut zusammen und rief nochmals an. Sie wollten wieder eine Katze, aber hatten Angst vor dem Verlust. Sanso war also genau der Richtige für sie. Ich informierte kurz über all seine Macken und Vorzüge. Meike sagte mir, dass sie medizinische Kenntnisse hat.  

Am 17.03.06 riefen Meike und Lukas zurück, um mir zu sagen, dass sie es mit Sanso versuchen wollten und eine halbe Stunde später stieg Sanso dort aus seinem Korb, so als sei alles ganz normal. Keine Anzeichen von Panik. Eine ideale teppichlose Katzenwohnung mit Klappe in der Terrassentür zum kleinen, eingezäunten Garten. Er rieb seinen Kopf an Meikes Bein, schnurrte laut als ihn Lukas kraulte. Er saß lange auf dem Fensterbrett und schaute auf die Straße, schnüffelte alle Räume ab und rannte!!! durch die Wohnung. Den Katzenkorb von „Lilly“ nahm er sofort an. Dies war sein Reich. 

Sansos langer Weg nach Hause war beendet. Sanso ist angekommen.   

Uelzen, den 18.03.2006