Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Ein echter Hermann                                
 

Eine Geschichte, nicht nur für Erwachsene

Vorweihnachtszeit, später November 1997.
Sie liebt Bärenausstellungen. Er nicht. Dennoch, ihr zuliebe fährt er mit. Nach Hamburg. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Auf dieser Ausstellung war sie noch nie. Aber auf vielen anderen. Und sie erwartet eine große, schöne Ausstellung, auf der es viel zu sehen gibt, so dass man voll neuer Ideen ist, wenn man die Ausstellung verlässt.

Am Saaleingang bleibt er stehen. 10,-- DM Eintritt. Für ihn ein Hindernis, fast unüberwindlich. „Ich zahl für dich", bietet sie ihm an. Doch er ringt mit sich. Zu teuer! Sie denkt, „er will nur gebeten werden - wie Männer eben so sind" und redet mit Engelszungen. Er will nicht. Sie geht allein. Sie ist schon fast im Saal, als er es sich anders überlegt. Sie kauft eine Eintrittskarte für ihn.

Dann die Enttäuschung: Für 10,-- DM Eintritt eine Mini-Ausstellung. Er folgt drei Schritte hinter ihr und sie hört ihn sagen: „10,-- DM Eintritt für dieses bisschen?" ..... Muss er ihre Gedanken aussprechen? .....

Er folgt ihr in bleibendem Abstand, gerade soweit entfernt, dass sie noch hören kann, wie er sagt: „Etwas Besonderes wird hier aber nicht geboten."

Sie denkt: „Erdboden tu dich auf und verschling mich," und wechselt zum nächsten Stand und es zwingt sich ein neuer Gedanke auf: „Ich benehm mich einfach so, als würde er nicht zu mir gehören."

Am Eingang hatte jeder Besucher einen Stimmzettel bekommen. Der schönste Bär sollte prämiert werden. Während sie ihren Stimmzettel ausfüllt, mault er im Hintergrund: „Ich hab doch sowieso keine Ahnung davon." „Du sollst nur ankreuzen, welcher Bär dir am besten gefällt und deine Anschrift wirst du ja wohl kennen," zischt sie ihm zu. Er kennt sie nicht mehr und will auch nichts ankreuzen. So füllt sie seinen Stimmzettel in seinem Namen aus. Ihr haben sowieso verschiedene Bären gut gefallen.

Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn sie dem Brummbär hinter ihr keine Eintrittskarte gekauft hätte. Nach 30 Minuten Ausstellungsbesuch wechseln sie zum Weihnachtsmarkt. Dort kann man sich ohne Murren länger aufhalten und sie braucht einen Punsch. Nächstes Mal fährt sie ohne ihn!

Zwei Wochen später. Sie kommt von der Arbeit heim und begegnet ihm am Hoftor. Er muss noch einmal zur Dienststelle.

Ein großes gelbes Postpaket steht auf dem Tisch. Für ihn. Von einer Spielwarenfirma aus Hamburg. Seltsam. Er bestellt grundsätzlich nichts!

Irgendwie kommt ihr der Absender bekannt vor. Sollte er vielleicht doch? Für sie zu Weihnachten? Eine Überraschung?

hr kribbelt es in den Fingern. Aber eigentlich öffnet sie seine Post nicht. Und wieso hat er es nicht selbst geöffnet bzw. vor ihr versteckt. Er war doch gerade zu Hause. Sie zögert - nur einen Moment. Ach was, sie kann es ja nachher wieder zukleben.

Sie packt aus. Was ist das? Wie schrecklich! Sie fasst es kaum. Ein Teddy! Sie liebt Teddys, dieser ist allerdings keine Schönheit. Sie selbst hat schon viele Bären angefertigt, keiner war so hässlich wie dieser. Panikschweißperlen treten ihr auf die Stirn. Über diesen Bären soll Sie sich Weihnachten freuen! Sie überlegt, wo sie dieses hässliche Etwas nach Weihnachten „verstaut" und dann fällt ihr Blick auf das Schild am Bären: Ein echter Hermann-Teddy!

Was hat er sich nur dabei gedacht, ihr so etwas außergewöhnlich Hässliches (wenngleich Wertvolles) zu kaufen?

Im Paket liegt ein Brief.

Sie überfliegt ihn und muss laut lachen. Sie lacht noch, als das Telefon klingelt. Er ist dran. Welch ein Zufall. Sie reißt sich zusammen und sagt in ernstem Ton: „Da ist ein Paket für dich gekommen. Warum hast du es nicht aufgemacht?"

„Ein Paket? Für mich? Ich hab nichts bestellt. Ich hab´gedacht, es ist für dich!" Heuchlerisch fragt sie ihn, ob sie sein Paket öffnen darf. Natürlich darf sie es und jetzt beweist sie, dass eine Schauspielerin an ihr verlorenging. Sie klappert mit der Schere und raschelt mit dem Papier. Nachdem sie das Paketöffnen lange genug vorgetäuscht hat, sagt sie: „In diesem Paket ist ein Geschenk für dich von einer Spielwarenfirma aus Hamburg." „Für mich? Wieso? Was ist es?" möchte er wissen. Nun liest sie ihm den Brief vor:

 

„Sehr geehrter Herr,

mit Ihrem Bewertungsformular bei unserer Ausstellung im November in Hamburg haben Sie automatisch an einer Verlosung teilgenommen. Die Gewinner wurden gegen 17.00 Uhr ausgelost. Da Sie nicht im Saal anwesend waren, erhalten Sie heute Ihren Gewinn per Post zugeschickt. Wir wünschen Ihnen viel Freude damit."

Lachend erzählt sie ihm, was im Paket liegt: „Herzlichen Glückwunsch, Du hast einen Hermann-Teddy gewonnen!" Jetzt muss auch er lachen. „Es gibt wunderschöne Teddys von Hermann. Dieser ist allerdings wirklich außergewöhnlich ungewöhnlich. Vielleicht wollte ihn niemand. Und er hat ausgerechnet dich gewonnen!"

Aber schließlich kann er nichts dafür und nicht jeder Teddy kann jedem gefallen.

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