Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Ein ganz besonderer Bär
 

Hoch oben im Norden liegt das Winterland. Versteckt zwischen schneebedeckten, glitzernden Bergen liegt ein altes schlichtes Holzhaus. Es ist nicht groß. Auf den Dachschindeln liegt dick der Schnee. Aus dem Schornstein steigt Rauch. Wenn man einen Blick durch die kleinen Fensterscheiben wirft sieht man in eine Stube. Im Kamin lodert das Feuer. Es sieht warm und gemütlich aus.

In einem karierten Ohrensessel, nahe am Kamin, sitzt ein alter Mann. Er hat einen wallenden, weißen Bart und raucht eine Pfeife. Neben ihm auf dem Fußboden liegen viele Briefe – offenbar von kleinen Kindern, denn auf diesen Briefen sind gemalte Bilder und Schriftzeichen, die niemand so recht deuten kann. Aber die Bilder sprechen für sich. Er liest in einem Brief:

"Ach", seufzt der alte Mann, "in diesem Jahr wünscht sich der kleine Leander zu Weihnachten einen ganz besonderen Teddybären. Meine Zwerge haben aber bis Weihnachten mit dem Holzspielzeug und der Puppenkleidung schon so viel zu tun, dass sie diesen besonderen Wunsch kaum erfüllen können."

Der alte Mann erhebt sich aus seinem Sessel, einige Briefe, die er auf dem Schoß hatte, flattern leise und sanft auf den Boden. Er geht auf eine Tür zu und als er diese knarrend öffnet, hört man ein geschäftiges Lärmen und glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Das Haus sah doch eben noch so klein aus! Nun erst sehe ich, dass das Haus mit der hinteren Wand an einen Schneehügel grenzt.

Der alte Mann geht durch die Tür. Dahinter liegt ein großer Raum, hell erleuchtet durch unzählige Kerzen. Viele Zwerge sind eifrig dabei, Holzspielzeug zu bauen. Sie hämmern und sägen, messen und kleben. Hinten in einer Ecke sitzen Zwergenkinder und bemalen die fertig gebauten Spielzeuge und anscheinend auch sich selbst! Bunte Flecken in den Gesichtern zeigen, dass die Farbe auch gern einmal beim Nachbarn auf der Nase oder der Kleidung landet.

 

Der Raum hat oben eine Brüstung zu der eine Treppe hinaufführt. Dort sitzen die Zwergenfrauen und nähen. Viele kleine Türen führen in weitere dahinter liegende Räume.

Der alte Mann steigt die hölzerne Treppe hinauf, die bei jedem Schritt ächzend knarrt und geht auf eine dicke Zwergenfrau zu, die – wie alle anderen – eine roten Zipfelmütze trägt. Blonde, dicke Zöpfe lugen darunter hervor und wippen bei jeder Bewegung. Die Wangen glühen. Der alte Mann ruft nach der dicken Zwergenfrau: "Babette!" Mit klappernden Holzschuhen kommt sie auf ihn zu. "In diesem Jahr haben wir wieder eine ganz besondere Bestellung für einen Teddybären. Schau dir diesen Brief an. Wie weit seit ihr denn mit der Spielzeugproduktion? Könnt Ihr noch einen Sonderwunsch erfüllen?"

Babette liest und schaut nachdenklich. Dann klappert sie zu ihrem Schreibpult, blättert in einem großen Buch mit goldenen Seiten und sagt: "Wir haben noch so viel zu tun, den Bärenwunsch von Leander können wir nicht mehr erfüllen." Sie denkt eine Weile nach. Dann sagt sie: "Wir könnten einen Bärenmacher um Hilfe bitten!" Die Zwergenfrau schlägt ein kleines, dünnes Buch auf. Darauf steht: "Spezialisten für besondere Wünsche". Sie setzt sich sogleich ans Schreibpult und beginnt mit einer Feder, die sie in ein Tintenfass taucht, einen Brief zu schreiben in ihrer wunderschönen Handschrift:

Liebe Erika,

wir haben in diesem Jahr wieder ein Kind, das sich einen schönen, einmaligen Teddybären wünscht. All unsere Zwerge arbeiten den ganzen Tag, um die Wünsche der Kinder zu erfüllen. Aber der kleine Leander wünscht sich einen Bären, den wir nicht herstellen können. Kannst Du uns dabei helfen? Der Bär muss einmalig sein und darf nicht aussehen wie jeder andere Bär. Er muss besonders lieb sein, damit er des Nachts, wenn er zum Leben erwacht, nicht das Kinderzimmer durcheinanderbringt. Und er muss bereit sein, sich alle Sorgen des kleinen Jungen anzuhören und alle Dinosaurier und Außerirdische in die Flucht zu schlagen und immer über den Jungen zu wachen. Er muß es erlauben, gedrückt und geknufft zu werden, am Ohr getragen und aus dem Bett ge- Ups! worfen zu werden und er muss alle Geheimnisse für sich behalten können.

Kannst Du uns solch einen besonderen Bären machen?                                 Ein Tintenfleck!

Babette

Weihnachtliche Werkstattleiterin

Babette rollt den Brief, schiebt ihn in eine Röhre, verschließt diese mit einem Deckel, bindet einen Faden darum und pfeift schrill und kurz. Durch ein kleines Loch in der Decke kommt ein Rabe geflogen, schüttelt den Schnee aus seinem Gefieder, nimmt den Faden, an dem das Röhrchen hängt und verlässt den Raum wieder durch das Deckenloch.

Lange muss das Tier fliegen, bis zu dem Haus mit dem grünen, glänzenden Dach, das am Honigwald im Bärenland liegt. Dort lebt die Bärenmacherin. Im Flug lässt er das Röhrchen durch den Schornstein ihres Hauses fallen, krächzt dabei laut und die Nachricht landet im Kamin der Bärenstube. Es staubt ein wenig, als das Röhrchen in der Asche landet. Wie gut, dass kein Feuer brannte! Aber der Rabe kennt sich aus. Es ist nicht das erste Mal, dass er hierher fliegen muss. Wenn im Kamin Feuer brennt, klopft er brav mit dem Schnabel an die Scheibe, bis die Bärenmacherin öffnet.

Geduldig lässt er sich auf einem Baum in der Nähe nieder und wartet auf die Antwort, die er ins Winterland zurückbringen muss.

Schon nach kurzer Zeit öffnet sich die Tür des Hauses. Die Bärenmacherin kommt heraus, bringt dem Raben Körner und Wasser und das Röhrchen mit dem Antwortbrief. Nachdem sich der Rabe gestärkt hat, erhebt er sich mit der Antwort in die Luft und fliegt zurück ins Winterland.

Babette und der alte Mann sind hoch erfreut, als sie den Brief der Bärenmacherin lesen:

Liebe Babette,

lieber Weihnachtsmann,

liebes Zwergenvolk,

ich bin stolz, daß ich Euch in diesem Jahr wieder helfen darf, einen ganz besonderen Bären für ein ganz besonderes liebes Kind zu machen. Er wird all die Eigenschaften haben, die sich der kleine Junge wünscht.

Viele liebe Grüße aus dem Bärenland

Eure  Erika

Bärenmacherin

Am heiligen Abend saß unter Leanders Weihnachtsbaum ein zauberhafter kleiner Bär. Er hatte goldblondgelocktes Fell und schwarze Knopfaugen, die den kleinen Leander vielsagend und wissend ansahen. Leander nahm ihn in den Arm und drückte ihn fest an sich, seinen Linus Löwenherz.

Linus, der Bär, begleitete Leander viele Jahre lang. Oft wartete der kleine Junge stundenlang darauf, dass er sich bewegte, überzeugt, dass er atmen konnte. Er hat oft versucht, bis Mitternacht die Augen offenzuhalten, um zu sehen, wie der Bär zum Leben erwacht. Aber es ist ihm nie gelungen. Leander vertraute Linus Löwenherz alle Sorgen und jeden Kummer an und ließ ihn an seinem Glück teilhaben und als die Mutter den Bär wegwerfen wollte, weil sein Fell abgeliebt und Leander schon erwachsen war, hat Leander ihn heimlich versteckt. 
Der Bär war gefüllt mit all seinen Träumen und Ängsten und Leander war tatsächlich nie einem Außerirdischen oder einem Dinosaurier begegnet. Die hatte Linus Löwenherz von ihm ferngehalten. Nie würde er sich von einem so guten Freund trennen. Und als er damals, als kleiner Junge dem Weihnachtsmann einen Brief geschrieben hatte, in dem er sich nichts so sehr wünschte, wie einen lieben Bär, hatte er nicht geglaubt, dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen würde.

Wahr oder erdacht? Wer weiß das schon? Im Jahre 2000

Umgeschrieben für Leander Brandt und Linus Löwenherz am 22.August 2001

 

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