Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Weihnachtsmarkt
 

Uelzen. 3. Advent 1999.

Es regnet stark. Schon den ganzen Tag lang. Ein kleines Mädchen bittet den Vater, doch mit ihr hinauszugehen. Er möchte eigentlich lieber zu Hause bleiben. Doch die Kleine lässt nicht locker. Sie fahren in den nächsten Ort und wie ein kleines Wunder hört es auf zu regnen, als sie aus dem Auto steigen. Sie besuchen den Weihnachtsmarkt und kommen zum kunsthandwerklichen Zelt. Dort entdeckt das kleine Mädchen eine Bärenmacherin mit ihren vielen, schönen und lustigen Bären. Alle sieht sie sich genau an. Aber da ist ein kleiner, mit einer grünen Nase und den findet sie besonders schön. Sein Blick geht bis direkt in ihr Herz, er ruft nach ihr.

Die Bärenmacherin spürt dies, als sie das Leuchten im Gesicht dieses Mädchens sieht. Das Kind trägt eine silbergraue Jacke und hat dunkle Haare. Ein liebes Mädchen. Ein besonderes Kind. Ein besonderer Bär.

Der Vater spricht leise mit dem Kind. Sicher haben die Bären ihren Preis. Kein Spielzeug, dass achtlos in der Ecke verschwinden darf. Die beiden gehen zum nächsten Stand. Das Mädchen schaut noch einmal zurück.

Als der Vater sich einen Stand mit Wachsfiguren ansieht, läuft sie noch einmal zu den Bären. Die Augen glänzen und die Bärenmacherin denkt: „dieses Kind leidet". Sie geht zu dem Mädchen vor den Stand, legt den Arm um ihre Schulter und fragt: „Möchtest du eine Fotokarte haben? Ich schenk dir eine." Das Kind freut sich, aber weiß nicht so recht, ob es das Geschenk annehmen darf. Sie wagt es nicht, „Ja gern" zu sagen. Sie schaut sich die Fotokarten an. Als der Vater kommt, fragt er: „Möchtest du eine Karte? Ich kauf dir eine." Das Kind freut sich still und sucht sich eine Karte aus. Es zeigt dem Vater eine Karte. Der Vater möchte bezahlen, doch die Bärenmacherin sagt ihm, dass sie kein Geld möchte, weil sie dem Kind die Karte geschenkt hat. Der Vater ist überrascht: „Einfach so?" „Ja, einfach so." –

Es passiert nicht oft, dass es ihr die Kehle zuschnürt, wenn ein Kind vor ihrem Stand steht und sich mit leuchtenden Augen über die Bären freut. Eigentlich sind ihre Kunden Erwachsene. Nun sind drei Menschen glücklich. Die Bärenmacherin, weil sie eine Freude machen konnte, die Kleine, weil sie zwar keinen Bären aber eine Erinnerung geschenkt bekam und der Vater, weil sich sein Kind freut. Ein kleines Stück Glück auf dem Weihnachtsmarkt.

Fast haben die beiden schon das Zelt verlassen, da kehrt der Vater um, geht zum Bärenstand zurück und fragt: „wo kann man sie finden?" Die Bärenmacherin gibt ihm die Visitenkarte.

Am nächsten Tag ruft der Vater bei ihr an: „Meine Tochter hat gestern bei ihnen auf dem Weihnachtsmarkt einen Bären gesehen. Julius hieß er, glaube  ich." „Mit der grünen Nase?" „Ja, haben sie den noch? Ich würde ihn gern für meine Tochter kaufen." Die Bärenmacherin erzählt ihm, wie sie spürte, dass das kleine Mädchen litt und er sagt: „Ein bisschen Leiden vor Weihnachten ist doch nicht schlecht." Sie verabreden sich für den übernächsten Tag.

Die Bärenmacherin ruft in der Nähe seines Hauses kurz bei ihm an, um sich anzukündigen. Sie nennt nicht ihren Namen, sagt nur: „Hier ist die Werkstatt des Weihnachtsmannes." Der Vater und sie treffen sich draußen und beide freuen sich über die Heimlichkeit in der Weihnachtszeit. Es wird bestimmt eine wunderschöne Überraschung für ein kleines, glückliches Mädchen.

(Julius verbrannte sich vier Wochen nach Weihnachten, auf der Geburtstagsfeier des Mädchens sein Ohr, weil er vorwitzig zu dicht an die Kerze geriet.
Oh, das tat weh! Das Mädchen machte sich große Vorwürfe. Aber wie gut, dass die Bärenmacherin gar nicht weit entfernt wohnte. Sie hat Julius einer Schönheits-Operation unterzogen. Von seiner schweren Verletzung hat er sich bei ihr wieder so gut erholt, dass beinahe nichts mehr zu sehen ist.)

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