Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Meine liebe Bärenmama,


im vorigen Jahr hast du mich beim Aufräumen auf dem Dachboden in einem alten Karton gefunden. Weil ich gar so schlimm aussah, und du die Hoffnung hattest, aus mir könnte noch einmal ein richtiger kleiner Bär werden, hast du mich vor vielen Monaten in die Bärenklinik geschickt.

Der Bärendoktor hat mich hilfesuchend angesehen und gesagt: „Armes kleines Bärenkind, mal sehen, was wir mit dir noch machen können."

Dann hat er all seine Bärenstoffe durchgesucht, die meine Farbe hatten, aber ach, mein Fell ist so abgeliebt, dass kein passender Stoff gefunden werden konnte. Er hat Stoffhersteller in verschiedenen Städten und sogar in Holland angeschrieben. Aber keiner konnte helfen.

In dieser Zeit musste ich ganz lange in einer schwarzen Plastiktüte schlafen. War das langweilig! Ich habe schon geglaubt, man hätte mich vergessen. Winter und Sommer kamen und gingen. Und in diesem Winter hat der Bärendoktor wieder nach der Tüte gesucht, denn er hatte passenden Stoff gefunden. Ich habe mich sooo gefreut, als er mich herausholte – und war ganz traurig, weil er mich gleich wieder reinsteckte!

Aber ich hörte, es tat sich was. Dann vorgestern nahm er mich und machte von meiner Hand, an der die Pfote fehlte und nur meine Holzwolle herauslugte, ein Schnittmuster. Er legte es auf rosa Filz (früher war meine Hand auch aus rosa Filz) und schnitt ein Stück heraus. Dann fädelte er einen Faden ein und nähte den Filz auf meine Pfote. Er stopfte meine leere Pfote aus und ich hatte wieder eine linke Hand. Damit die Rechte Seite auch so aussah wie die linke Seite, nähte er mir auch rechts ein neues Filzstück auf.

Dann hat er mein Ohr festgenäht und anschließend meine Nase aufgetrennt, die vor vielen Jahren schon einmal von Oma neu gestickt wurde. Ich kann dir sagen, dass hat mir weh getan! Er hat gesagt: „Brumm nicht, es ist ja gleich gut!" ... und nachher durfte ich in den Spiegel gucken. Das war eine Überraschung"! Ich sah aus , wie ein richtiger Bär.

Nur meine Füße steckten noch in alten Damenstrümpfen. Ich weiß gar nicht mehr, wer sie mir mal „angezogen" hatte, damit meine zerschundenen Füße versteckt werden sollten. Oh weh, meine Füße sahen wirklich bös aus mit den alten Strümpfen. 

Wie sollte der Bärendoktor die nur wieder hinkriegen? Doch als die Strümpfe abgetrennt waren, staunte der Doktor nicht schlecht. Der Beinstoff war noch erhalten. Es fehlten nur meine Fußsohlen!

Ich lag auf dem Tisch und der Doktor schnitt ein rosa Filzstück aus, um mir die Sohle an meinem linken Bein anzunähen. Er war ganz begeistert.

Wenn ich mich nur noch einmal sehen könnte.

Mit dem rechten Bein war es komplizierter. Er musste die ganze Holzwolle entfernen, weil ich Muskelschwund im Oberschenkel hatte. Er hat dann neue Bärenwolle hineingestopft. Er hat gesagt, neue Holzwolle könnte er nicht nehmen, weil sonst mein schon sehr schwaches Bindegewebe geschädigt werden könnte.

Dann hat er liebevoll auch meine 2. Sohle angenäht.

Liebe Mama, du hast ganz vergessen, dem Doktor zu sagen, dass ich mich nicht waschen mag. Er hat mein Fell feucht abgeschwischt. Brrrr! Dann musste ich ein paar Tage auf einem Handtuch auf der warmen Heizung liegen, damit ich mich nicht erkälte. Aber, stell dir vor, er hat gesagt, dass ich wieder so gut aussehe, dass ich keine Hosen mehr anziehen muss. Meine schöne weiße Kuscheljacke hat er gewaschen und mir gesagt, dass kleine Bärenkinder im Winter nicht ohne Jacke (aber ohne Hose?) nach draußen dürfen.

Nach draußen, dachte ich? „Ja", sagte er, „du musst jetzt wieder nach Hause. Deine Mama hat bestimmt einen schönen Platz für dich. Wenn sie dich in eine Tüte oder einen Karton stecken sollte, ruf nach mir, dann hol ich dich und du darfst bei mir wohnen."

Aber ich glaube, so gut wie ich jetzt aussehe, komme ich nie wieder in eine Tüte!

Bitte hol mich nach Hause!

Dein Bärenkind

 

zurück