Geschichten von Bären und Katzen
 
aufgeschrieben von  Erika Herkt-Skupin

 

Der Fire-Baer
 

Kunstgewerbeausstellung.

Es war viel zu heiß. Viel zu warm für viele, die eigentlich gern gekommen wären.

Ich konnte gut verstehen, dass die Besucher lieber zu Hause blieben oder ein kühles Bad nahmen. Auch ich hätte gern im kühlen Keller oder in der leicht wärmeren Bärenwerkstatt gesessen, anstatt in dem reetgedeckten, wunderschönen, alten Bauernstall in einem norddeutschen Heideort, in dem die Ausstellung stattfand. Draußen scharrten die Hühner im Sand. Sie fühlten sich offensichtlich sehr wohl.

Mir war eigentlich nur heiß!


Am Freitag - nach dem Aufbau – hatte ich noch zwei Stunden Zeit bis zum Ausstellungsbeginn. Ich bin in den Edeka-Laden gegangen und habe mich ein Weilchen vors Kühlregal gestellt. Ich habe so getan, als suche ich einen bestimmten
Joghurt, damit keiner merkt, dass ich eigentlich nur etwas kalte Luft wollte. Herrlich! Hoffentlich hat mich keiner beobachtet. 

 Das  heiße Wetter sorgte dafür, dass man Zeit für gute Gespräche mit anderen Ausstellern hatte. So kam ich mit Uta ins Gespräch, die perfekte Buchbindearbeiten herstellt. Sie erzählte mir von ihrem alten Bären:

 Vor ca. 64 Jahre bekam sie einen Teddy. Er war beige, zottig, holzwollgestopft und hatte einen Knopf im Ohr. Er wurde heißgeliebt und von der Großmutter sorgsam repariert, als sich diese Liebe an seinem Fell bemerkbar machte.

Damals lebte sie in Esslingen, direkt am Neckar. Dort wo die heutige B 10 verläuft, befand sich seinerzeit noch ein tiefer liegender Tennisplatz, der regelmäßig vom Neckar überflutet wurde. Die Kinder fuhren nach einer Herbstüberschwemmung mit dem Boot über den überfluteten Tennisplatz. Vorwitzig, wie Bären nun einmal sind, dachte der Teddy, dass Tiefseetauchen bestimmt interessant ist, sprang aus dem Boot und versank! Der Schreck war groß und Uta weinte ein paar Krokodils-Tränen. 

 Das Weihnachtsfest wurde ohne den heißgeliebten Teddy gefeiert und dann kam das Frühjahr. 

Einen echten Knopf-im-Ohr-Tennisplatz-Tiefsee-Taucher kann nichts erschüttern!
Er tauchte wieder auf, als das Wasser sich wieder in den Neckar zurückzog. Die Freude war groß und die Frühlingssonne trocknete den klatschnassen Seebären.

Er begleitete sie lange - sie wurde größer -  doch die Zeiten waren schlecht.  

Damals besaß man noch keine eigene Waschmaschine. Man bekam Leihwaschmaschinen in zeitnahen Abständen ins Haus geliefert: Holzbottiche, mit einem Drehkreuz oben dran, in denen man die Wäsche wusch. In den Haushalten gab es die großen Waschkessel. Standgeräte, die vor dem Waschen von unten beheizt wurden. 
Brennmaterial war knapp. 
Teddys bestanden aus Holzwolle. 

Holzwolle war brennbar. 

Die Mutter war der Meinung, dass Uta schon groß war und den Bären  nicht mehr brauchte. Sie wollte die Wäsche mit ihm Waschen. Uta kam zufällig hinzu, als der Bär noch mit einem Bein aus dem Ofenloch lugte. Sie zog ihn heraus und  rettete ihn vor dem Feuertod.

Und wieder vergingen Jahre, in denen sich Uta nicht von ihrem Teddy trennte.

Viel später dann, als Uta Ihr Schülerdasein beendete hatte, entschloss sie sich mit einem Freudenfeuer aus Schulbüchern und alten Heften ihren vergangenen Lebensabschnitt abzuschließen. Sie schichtete einen Schulbücher-Thron auf und setzte obenauf ihren alten Bären, denn den würde sie nun nicht mehr brauchen. 

Die Bücher brannten schon. Teddy wurde es heiß am Unterteil. 

 Und diesmal war es die Mutter, die den Bären rettete. 

 Zur Hochzeit schickte sie Uta´s Mann ein Paket: 
den Bären, mit Brot und Salz und einem Brief, in dem Sie den Bären als Hauptgeschenk und Uta als Dreingabe bezeichnete. 

Uta hat den Bären nie mehr hergegeben. Er hat in den Kinderzimmern ihrer vier Kinder in Bayreuth und Ramsenthal/Bayern vor sich hingehockt und hat die Kinder aufwachsen sehen. Danach zog er in die Lüneburger Heide und freut sich heute über einen Besuch der „Nachbarenkel“, die ab und zu ein mitleidiges Lächeln für ihn übrig haben, denn sie haben selbstverständlich schönere Bären und natürlich nicht nur einen. 

                                                         ***             

 Einmal nur durfte er ohne Uta verreisen, zu einem Fototermin für seine Geschichte. 

                                                         ***

Nun schreiben wir das Jahr 2001 und der Zufall will es, dass eine solche Bärengeschichte auf Papier festgehalten wird, für all diejenigen, die ihren Teddy verlegt oder verloren haben, die ihn noch haben und lieben, die ihn vermissen, die auch Geschichten wissen oder sich erinnern an damals.

Die spontan einen Teddy gekauft haben auf irgendeiner Ausstellung,
weil man das Gefühl hatte, er ruft einem hinterher.
Teddybären sind etwas Besonderes. Sie bewahren Geschichten und Träume, Wünsche und Ängste. Heute noch.

                                                                       ***
Und was wird man in vielen Jahren von Euren – dann vielleicht abgeliebten –
Bären erzählen können?
                        
                                                                    
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 geschrieben am 02. und 25. September 2001
von Erika Herkt-Skupin mit freundlicher Genehmigung von Frau Uta Lunau, Soltau 

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